In seinem ansprechend illustrierten Band nimmt Mathias Brodkorb die völkerkundlichen Sammlungen mehrerer Museen unter die Lupe – und ist überrascht, wie oft die Geschichte und Bedeutung von Ausstellungsstücken nur holzschnittartig und unvollständig erklärt werden. Er begibt sich auf eine journalistische Suche nach historischen Zusammenhängen, Hintergründen und Interviewtönen der Verantwortlichen. Seine Recherche macht sprachlos, da sie Licht auf einen Teil des musealen Betriebs wirft, der sich offenbar von einer fundierten wissenschaftlichen Arbeitsweise weitgehend verabschiedet hat.
So nimmt Brodkorb im Leipziger Grassi Museum die Spur der oft diskutierten „Benin-Bronzen“ auf. Diese werden dort nur auf Fotos gezeigt, da allein schon ihre Betrachtung im Original durch ein „westliches“ Publikum problematisch sei. Ähnlich skurril informiert wurden Besucher, denen man bei einer Führung erklärte, bereits der Wunsch nach historischen Fakten und interkulturellem Verstehen beim Blick auf Dinge aus einst fremden Welten sei „kolonialistisch“. Bei solcher Absurdität wundert es kaum, dass Brodkorb in Leipzig auch über die Phantasie stolpert, die ideologische Gedankenwelt der DDR als Vorstufe heutiger Postkolonialismen zu vereinfachen. Zu Recht moniert er, dass ausgerechnet dort eine kritische Befassung mit sozialistischen internationalen Prämissen wie Völkerfreundschaft keine Rolle spielt.
Genau solche Ausdifferenzierungen braucht es aber, um komplexe Geschichte multidimensional zu erörtern und dem Publikum die Chance auf eine eigene Wissens- und Meinungsbildung zu ermöglichen. Echte Länderkunde bleibt in Leipzig indes aus. Zwar schlummern in den Depots etwa 5000 Objekte aus deutscher kolonialer Zeit in Kamerun. Mehr über das faszinierende westafrikanische Land und seine Menschen erfährt man aber nicht.
So reiht Brodkorb ein bizarres Beispiel ans nächste, womit er eine Fülle von inhaltlichen historischen Leerstellen und bewussten faktischen Auslassungen in den von ihm besuchten Museen offenlegt. Und er zeigt, dass jene Museen ihrem Selbstverständnis nach eher aktivistische Politforen und keine objektiv informierenden Wissens- und Erlebnisorte sein wollen. Sie haben sich selbst die Pflicht auferlegt, zu jedem nur erdenklichen Thema nahezu zwanghaft eine koloniale Raubrittergeschichte zu konstruieren. „Wahrheit“ und „gesellschaftlicher Kontext“ als unabdingbare historiographische Kernelemente lehnen sie als unerwünschte Forschungskonstrukte ab, die einer aus heutiger Sicht vermeintlich anzupassenden Geschichtsdarstellung im Weg stehen.
Dass dabei häufig nachträglich künstlich kreierte Emotionen historische Quellen und tatsächlich Geschehenes überblenden oder gar ersetzen sollen, öffnet Geschichtsfälschungen in der musealen Wissensvermittlung vollends Tür und Tor. Damit vergeben die Museen die große Chance, in der Bevölkerung die Lust an Geschichte, Kultur, Sprachen und Leistungen anderer Weltregionen immer wieder neu zu entdecken und ein in heutigen Zeiten internationaler Verwerfungen so wichtiges Verständnis füreinander zu wecken.
Mit dieser hochproblematischen Haltung erweisen sie ihrer Branche jedoch einen Bärendienst, der die Menschen mit den Füßen abstimmen lässt. So haben sich laut Brodkorb in Hamburg die Besucherzahlen seit 2014 halbiert. In Leipzig sind sie allein im Jahr 2024 um über 20 Prozent eingebrochen – bei freiem Eintritt. Interessierte sollten sich dennoch einen eigenen Eindruck von den Ausstellungen in den Museen verschaffen. Dringend zu empfehlen ist dann aber, Brodkorbs wichtigen Report als Schutz vor historischen Halbwahrheiten dabeizuhaben.
Rezension: Dr. Daniel Lange
Mathias Brodkorb
Postkoloniale Mythen
Auf den Spuren eines modischen Narrativs
zu Klampen Verlag, Springe 2025, 396 Seiten, € 28,–




