Länder wie Deutschland oder Österreich sind flaggenmäßig natürlich ein wenig öde. Mehr als drei farbige Streifen hätten da eigentlich schon drin sein können (und Österreich hat sich nicht mal um eine dritte Farbe bemüht). Die Schweiz hat sich mehr angestrengt und ein Plus-Zeichen auf die Flagge gesetzt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das begrüßenswert, an Brasilien reicht die Eidgenossenschaft aber definitiv nicht heran. Die brasilianische Flagge steckt voller Astronomie! Vor grünem und gelbem Hintergrund ist dort der blaue Sternenhimmel zu sehen. Übrigens: Das Gelb steht für die Familie von Erzherzogin Maria Leopoldine von Österreich, eine Habsburgerin. Sie hatte im Jahr 1817 den brasilianischen Kaiser Pedro geheiratet, der aus dem portugiesischen Adelshaus Braganza stammt. Und dessen Farbe ist das Grün. Nur falls das Zoom-Meeting immer noch nicht vorbei ist.
Auf dem adligen Gelb-Grün kann man einen blauen Kreis mit 27 Sternen sehen. Jeder davon steht für einen der 26 brasilianischen Bundesstaaten, plus dem Bundesdistrikt. Das ist ein bisschen so wie bei den 50 Sternen auf der amerikanischen Flagge und den 50 US-Staaten. Nur dass man in Brasilien die Sterne nicht einfach irgendwie auf die Flagge geheftet, sondern sie – wie es sich gehört – anhand ihrer astronomischen Himmelskoordinaten angeordnet hat. Im Zentrum der Flagge findet man das Sternbild „Kreuz des Südens“, genauso wie es auch am echten Himmel zu sehen ist.
Oder fast genauso: Die Konstellationen sind spiegelverkehrt – und das mit Absicht. Man hat die Anordnung so gewählt, dass sie den Himmel exakt so zeigt, wie er am 15. November 1889 um 8 Uhr 30 morgens über Rio de Janeiro war, an dem Ort und zu der Zeit, als dort die Republik ausgerufen wurde. Allerdings nicht so, wie er aussehen würde, wenn man vom Strand in Rio nach oben zu den Sternen schaut, sondern so, wie er aussehen würde, wenn man vom Weltraum aus durch die Sterne hinab nach Brasilien blickt. Das steht so im Gesetz, heißt aber nicht, dass die brasilianische Regierung in Wahrheit von Aliens gelenkt wird. Solche spiegelverkehrten Darstellungen waren früher für Sternenkarten gebräuchlich.
Acrux, Becrux, Gacrux und Decrux
Das Kreuz des Südens ist das kleinste der 88 offiziellen Sternbilder am Himmel, auf den Flaggen der Welt ist es aber dennoch prominent vertreten. Neben Brasilien schmückt sich auch Australien damit, ebenso wie Neuseeland, Papua-Neuguinea und Samoa. Von diesen fünf Ländern ist Neuseeland übrigens das einzige, das für die Darstellung des Sternbilds nur dessen vier hellste Sterne verwendet. Sie tragen die Namen Acrux, Becrux, Gacrux und Decrux. Das klingt ein wenig nach Tick, Trick und Track meets Asteroid und Obelix. Ist aber eigentlich nur einer nomenklatori-schen Faulheit zu verdanken. Nicht alle Sterne haben Eigennamen (wie „Sirius“ oder „Beteigeuze“), aber alle haben irgendeine Katalogbezeichnung. Das System hat der deutsche Astronom Johann Bayer im 17. Jahrhundert eingeführt: Jeder Stern bekommt, je nach Helligkeit, einen griechischen Buchstaben, gefolgt vom Genitiv des lateinischen Namens des Sternbilds, in dem er sich befindet. Der hellste Stern im Sternbild des Zentaur heißt demnach „Alpha Centauri“. Der zweithellste im Sternbild Maler ist „Beta Pictoris“.





