Haben Sie Lust auf einen kleinen Versuch? Dann schließen Sie bitte beide Augen und versuchen, mit dem Zeigefinger der rechten Hand Ihre Nasenspitze zu treffen. Kein Problem, oder? Jetzt gehen Sie mit geschlossenen Augen ein Stück geradeaus und nehmen dann eine Rechtskurve. Auch das dürfte Ihnen nicht schwerfallen. Schließlich machen Sie mit dem rechten Bein einen großen Ausfallschritt nach vorne. Haben Sie? Gut, dann sagen Sie bitte, wo sich gerade Ihr linker Fuß befindet. Und ob er platt auf dem Boden oder auf Zehenspitzen steht.
Dass Ihnen auch das leicht fällt, verdanken Sie Ihrer sogenannten Tiefensensibilität oder fachgerecht ausgedrückt: der Propriozeption. Dieser Sinn verdient das Prädikat „phänomenal!“ wirklich zurecht, erlaubt er uns doch jederzeit, auch in tiefschwarzer Nacht, zu wissen, wo sich gerade unsere Hände und Füße befinden, ob und in welche Richtung wir sie bewegen, ob wir beim Gehen, etwa bergauf, mehr Kraft als sonst aufwenden müssen, was unterdessen unser Kopf macht, ob er geradeaus, zur Seite oder nach unten gerichtet ist. Und dieser Sinn informiert uns auch im Bett, ob wir gerade auf der rechten oder linken Seite liegen, ob wir dabei die Beine anwinkeln und vielleicht eine Hand unter das Kopfkissen geschoben haben. Und wenn wir uns aufsetzen, können wir das auch in völliger Finsternis tun, ohne Angst haben zu müssen, aus dem Bett zu purzeln. Selbst wenn uns – warum auch immer – danach wäre, im Dunkeln Liegestütze zu machen, hätten wir damit keinerlei Probleme.
Ohne Tiefensensibilität könnten wir nicht leben oder uns zumindest nicht koordiniert bewegen. Dafür, dass sie jederzeit funktioniert, sorgen Unmengen winziger Sensoren in unseren Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken, die permanent den Spannungszustand dieser Strukturen messen und an das Gehirn melden. Der Fachausdruck dafür ist Propriozeptoren, was so viel bedeutet wie „Eigenreizaufnehmer“, weil sie eben auf Veränderungen unserer eigenen Körperbestandteile reagieren. Und zwar pausenlos, sehr schnell und überaus präzise. Aus den Unmengen von Signalen, die diese Sensoren unablässig an das Gehirn senden, leitet dieses fortwährend Entscheidungen über erforderliche Positionsänderungen ab, sendet entsprechende Befehle an die Muskeln und kontrolliert deren Tätigkeit, indem es sicherstellt, dass sie hinsichtlich Richtung und Ausmaß exakt die richtigen Bewegungen ausführen und nicht übertreiben.
Von alledem spüren wir in der Regel nicht das Geringste. Zumindest nicht, solange wir nüchtern sind. Sind wir dagegen mehr oder weniger angetrunken, erleben wir die Arbeit der Tiefensensibilität eindrucksvoll. Denn Alkohol stört das sonst erstaunlich robuste System massiv. Dann können wir nicht mehr auf einer geraden Linie gehen, zielen mit dem Finger an der Nase vorbei – und schätzen vielleicht sogar den Abstand unserer Füße vom Boden falsch ein, sodass wir der Länge nach hinfallen.





