Irritierenderweise scheint dies bei Wirkstoffen, die als Arzneimittel eingesetzt werden, besonders häufig der Fall zu sein. Doch gerade hier hat das Tradi-tion: Schließlich kochte, zerrieb und mischte man über Jahrhunderte Kräuter oder anderes – und verabreichte „das Präparat“ zur Linderung bestimmter Leiden. Was genau darin half und vor allem, wie es das tat – das interessierte damals nicht. Hauptsache, es wirkte überhaupt!
In unseren modernen Zeiten mit ihrer analytischen Hochtechnologie und ihren strengen Regularien für Arzneimittel sollte dies inzwischen ganz anders geworden sein. Da sei es geradezu Voraussetzung für die Zulassung, dass man die Wirkmechanismen dessen, was man jemandem als Medikament gibt, bis ins Detail kennt. Sollte man meinen. Tatsächlich sind die Lücken weiterhin erstaunlich groß. Viele Medikamente werden zu einem Zeitpunkt zugelassen, zu dem der Wirkmechanismus noch im Dunkeln liegt.
Nehmen wir etwa Paracetamol, eines der weltweit am häufigsten eingesetzten Schmerzmittel. Bereits 1890 wurde der Wirkstoff entdeckt, seit 1950 ist er als Schmerzkiller rezeptfrei erhältlich. Doch erst vor zehn Jahren entschlüsselte ein Londoner Forscherteam, auf welchem Weg Paracetamol das Schmerzempfinden ausblendet. Mittel zum Zweck war der sogenannte Hot-Plate-Test: Mit Paracetamol gefütterte Mäuse beginnen auf Heizplatten erst bei deutlich höheren Temperaturen mit Hüpfen und Pfotenlecken als ihre „unmedikamentierten“ Artgenossen. Der Wirkstoff macht die Tiere folglich unempfindlicher gegen Hitzeschmerz.
Bei Mausmutanten, denen auf der Oberfläche ihrer schmerzleitenden Nervenzellen ein Kanalprotein für positiv geladene Ionen fehlte, war dieser Effekt jedoch wie weggeblasen: Fütterten die Londoner sie mit Paracetamol, sprangen sie genauso schnell von der Platte wie Wildtyp-Mäuse ohne Wirkstoff. Folglich konnte das Schmerzmittel ohne das Kanalprotein nicht wirken – womit im Umkehrschluss nach all der langen Zeit endlich klar war: Paracetamol wirkt, indem es den TRAP1-Kanal blockiert. Dadurch bleibt das „Feuern“ der schmerzleitenden Nervenbahnen infolge der Bildung von Aktionspotenzialen aus – und die Übertragung des Schmerzsignals ins Gehirn ist unterbrochen.
Doch Paracetamol ist kein Einzelfall. Gerade in letzter Zeit bestanden mehrere Arzneimittel sämtliche klinische Tests, doch selbst nach der Zulassung waren die Mechanismen, mit denen sie ihre Wirkungen entfalten, nicht bekannt.
Dimethylfumarat (DMF) beispielsweise wird seit über 25 Jahren gegen Schuppenflechte eingesetzt. Auf welche Weise es hierbei die Immunfunktion günstig beeinflusst, wurde allerdings erst klar, als DMF auch in klinischen Studien zur Behandlung von Multipler Sklerose erfolgversprechend abschnitt. Erst die nachfolgende Zulassung zur MS-Behandlung bahnte schließlich den Weg zur Entschlüsselung des DMF-Wirkmechanismus: Wiederum enthüllten Mausmutanten, dass DMF ein Rezeptorprotein auf neutrophilen Granulozyten, einer Klasse von weißen Blutkörperchen, blockiert – mit der Folge, dass diese nicht mehr in das Nervengewebe einwandern und es entzünden können.





