Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass das gesamte Gebiet der Hochenergiephysik ein Problem ist, das eine Lösung braucht. Aber ich verstehe, was Altman meint. In einigen Bereichen der Grundlagenphysik wurden seit Jahrzehnten keine nennenswerten Fortschritte mehr beim Verständnis grundlegender Gesetzmäßigkeiten gemacht. Ich weiß nicht, warum andere Physiker sich so aufregen, wenn ich das sage.
Und Altman ist nicht der einzige KI-Experte, der davon träumt, sämtliche Probleme der modernen Physik mit KI zu lösen. Auch Demis Hassabis, CEO des KI-Entwicklers DeepMind, teilt dessen Begeisterung. Und der US-amerikanische Softwareentwickler und Technologie-Investor Marc Andreessen ist ebenfalls vonm Potenzial der KI überzeugt: „[Künstliche Intelligenzen] werden ein eigenes internes Weltmodell entwickeln. Und sie werden ein vollständiges Verständnis von Physik haben.“
Okay, aber auf welche Weise kann KI nach plausiblen Maßstäben tatsächlich dazu beitragen? Aus meiner Sicht als Physikerin ist es bei den meisten Problemen in den Grundlagen der Physik unwahrscheinlich, dass KI zu großen Durchbrüchen führen wird, wenn man sie einfach vorhandene wissenschaftliche Rohdaten analysieren lässt. Denn das Hauptproblem bei den ungeklärten Fragen der Grundlagenphysik ist der Mangel an Daten. Beispiele hierfür sind Dunkle Materie, der Ursprung des Universums oder die Quantengravitation. Wenn wir in diesen Forschungsfeldern mehr und bessere Daten hätten, könnten Physiker die bestehenden Probleme wahrscheinlich sogar weitgehend ohne den Einsatz von KI lösen.
In anderen Bereichen der Physik sind zwar deutlich mehr Daten vorhanden, allerdings sehe ich auch hier nur geringe Potenziale für die KI. Beispielsweise ist der Bereich mit den meisten Daten in der Physik mit ziemlicher Sicherheit die Hochenergiephysik, gerade weil die Teilchenkollisionen in Beschleunigern wie dem Large Hadron Collider (LHC) am Forschungszentrum CERN große Mengen an Daten produzieren. Jedoch wurden die Methoden des maschinellen Lernens – die letztlich auch heutige KI-Systeme antreiben – in der Teilchenphysik bereits eingesetzt, lange bevor der Rest der Welt jemals davon gehört hat. Und die Forschenden analysieren ihre Daten mit diesen Methoden seit Jahrzehnten rauf und runter. Daher bezweifle ich stark, dass neue KIs noch nennenswerte neue Erkenntnisse aus den vorhandenen Daten herausquetschen können: Es ist einfach bereits alles nur Erdenkliche damit veranstaltet worden.
Versteckte Lösungen
Anders sieht es dagegen aus, wenn man die derzeit existierenden KIs nicht auf Rohdaten, sondern auf bereits veröffentlichte wissenschaftliche Literatur ansetzen würde. Auf diese Weise ließen sich nicht nur in der Physik, sondern wahrscheinlich auch in den meisten anderen Bereichen der Wissenschaft Fortschritte erzielen. Denn in den unzähligen Fachaufsätzen, Vorträgen und Büchern, die Jahr für Jahr veröffentlicht werden, ist mit ziemlicher Sicherheit wertvolles Wissen verborgen, das bislang unbeachtet geblieben ist. In einigen Bereichen der Wissenschaft wird nämlich inzwischen so dermaßen viel publiziert, dass praktisch niemand mehr in der Lage ist, einen umfassenden Überblick über sämtliche Publikationen in seinem Forschungsbereich zu behalten.





