Herr Prof. Altfeld, das Forschungsfeld der geschlechtsspezifischen Immunologie bekommt gerade viel Aufmerksamkeit. Warum?
Wir erforschen seit über 20 Jahren, wie sich das Immunsystem von Männern und Frauen unterscheidet. Als während der COVID-19-Pandemie auffiel, das ältere Männer deutlich schwerer erkrankten als ältere Frauen, hat das dem Bereich einen enormen Schub verliehen. Ich bin froh, dass das Thema seither mehr Aufmerksamkeit erfährt. Wir reden viel über personalisierte Medizin. Aber bevor wir über individuelle Therapien für Milliarden Menschen nachdenken, sollten wir sicherstellen, dass wir den Geschlechtern gerecht werden.
Welche biologischen Unterschiede gibt es zwischen Frau und Mann?
Menschen haben zwei Geschlechtschromosomen: X und Y. Sie sind Teil des genetischen Erbguts, das Kinder von ihren Eltern erhalten. Die meisten Menschen tragen entweder XX oder XY. Frauen haben zumeist zwei X-Chromosomen. Männer tragen zumeist XY. Bei Frauen wird das zweite Chromosom normalerweise stillgelegt. Einige Gene entkommen dieser Inaktivierung allerdings, werden deshalb bei Frauen von beiden Chromosomen und damit häufiger abgelesen. Eines dieser Gene codiert zum Beispiel für den sogenannten Toll-like-Rezeptor 7 (TLR7). Toll-like-Rezeptoren erkennen Muster, die nur in Krankheitserregern vorkommen. TLR7 erkennt einzelsträngige RNA, die viele Viren als Erbgut nutzen. Sobald RNA-Viren eine Zelle infizieren, triggert der Rezeptor die Produktion von entzündungsfördernden und antiviralen Substanzen. Da Frauen mehr TLR7 haben, können sie akute Virusinfektionen häufig effektiver bekämpfen.
Auch Sexualhormone spielen eine wichtige Rolle in der Immunologie. Warum?
Da alle Immunzellen entweder Östrogen- oder Androgenrezeptoren tragen, wird ihr Verhalten durch Sexualhormone beeinflusst. Sobald Östrogen oder Testosteron an den jeweiligen Rezeptor bindet, werden an der Abwehr beteiligte Gene entweder häufiger oder seltener abgelesen. Östrogen stimuliert das Ablesen der Gene und fördert deshalb eine stärkere Immunantwort. Testosteron unterdrückt die Immunantwort eher.
Das Immunsystem von Frauen ist also aktiver als das von Männern. Das klingt nach einem Vorteil. Gibt es auch Nachteile?







