bild der wissenschaft: Im Sommer 1997 führten gewaltige Niederschläge zum Oderhochwasser. In diesem August hatten wir in Deutschland die schlimmste Flut seit vielen Jahrzehnten. Beide Ereignisse deuten an, dass wir es in Mitteleuropa mit viel stärkeren Sommerniederschlägen zu tun bekommen als früher. Können Sie das bestätigen, Herr Prof. Borrmann? Borrmann: Normalerweise bewegen sich die Tiefdrucksysteme vom Atlantik nach Westen. In diesem Sommer aber wurde das Tief „Ilse” einerseits vom Azorenhoch nach Süden gezogen und bekam überdies den normalen Weg durch eine Kaltluftfront im Norden versperrt. Deswegen zog es über Spanien hinweg zum Golf von Genua. Dann bewegte es sich nach Norden und löste in Österreich und den nordöstlich folgenden Gebieten große Regenfälle aus. Normalerweise treten solche Wetterlagen im Frühjahr und im Herbst auf. Kommt es dazu aber im Sommer, so ist das Meer warm, es verdampft also mehr Wasser. Die warme Luft kann zudem mehr Wasserdampf aufnehmen. Resultat sind warme, sehr feuchte Luftmassen. Das war auch die Ursache des Oderhochwassers von 1997. In diesem Sommer wurde der Gesamteffekt noch verstärkt, indem nicht nur ein Tief diesen Weg nahm, sondern mehrere hintereinander. Wenn die Niederschläge des ersten Tiefs den Boden sättigen, kann das Wasser des zweiten nicht mehr aufgesaugt werden. Die extrem schwierige Aufgabe der Wetter- und Klimaforschung besteht jetzt darin, herauszufinden, ob sich solche potenziell desaströsen Wetterlagen in Zukunft häufen werden. Auch wenn es vermessen klingt: Die Menschen müssen akzeptieren, dass solche Ereignisse wiederholt vorkommen, und sich vor Ort bestmöglich wappnen. Hier sind kluge Landschaftsplanung, geeignete Architektur und Politik gefordert. bdw: Klimaexperten wie Prof. Hans-Joachim Schellnhuber sehen solche Überschwemmungskatastrophen als Vorboten noch viel schlimmerer Wetterereignisse. Borrmann: Wenn es global wärmer wird, verdampft mehr Wasser. Dabei bekommt der entstehende Wasserdampf die zur Verdampfung notwendige Energie, die Verdampfungswärme, mit. Kondensiert der Wasserdampf in der Atmosphäre zu Wolkentröpfchen, wird diese Energie wieder in der Atmosphäre freigesetzt. Bei einer insgesamt erwärmten Atmosphäre werden sich somit auch Wasserkreislauf und Niederschläge verändern. Wenn die Energie in der Atmosphäre zunimmt, wird das auch die Luftbewegungen beeinflussen. Daher ist der Schluss nahe liegend: Mehr Wasser plus mehr Energie ergibt häufigere und heftigere Niederschläge. Nur beweisen kann man das nicht, weil zu viele andere Prozesse eine Rolle spielen. Ob es etwa zu länger als bisher anhaltendem Nieselregen kommt oder zu häufigeren heftigen Ereignissen, kann man bisher nicht absehen. Die Modellrechnungen deuten aber die zweite Variante an. bdw: Man hat den Eindruck, dass Wetterexperten die Entwicklung zurückhaltender interpretieren als Klimamodellierer. Borrmann: Wetter beschreibt den aktuellen Zustand der Atmosphäre mit einem Zeitrahmen von Stunden bis Tagen. Der Begriff Klima umfasst die Wetterstatistik über lange Zeiträume. Zur Beschreibung von Klima muss man also viele Wetterereignisse sammeln. Einzelereignisse können – auch wenn sie häufiger eintreten – nur dann als Klimaveränderung diskutiert werden, wenn ein Zusammenhang mit der Gesamtstatistik besteht. Hier tun sich Wetter- und Klimaexperten, besonders aber die Medien, sehr schwer. Mit Müh und Not hat die Klimaforschung den Nachweis geführt, dass es einen von Menschen verursachten Treibhauseffekt gibt. Dabei wurde lediglich die Temperatur betrachtet. Jetzt sucht die Forschung Signale auch in der atmosphärischen Feuchte und in den Winden. Da diese Größen eine sehr hohe natürliche Variabilität haben, ist die Beweisführung ungleich schwieriger als bei der Temperatur. bdw: Helfen uns für den Moment Unwetterwarnungen nach amerikanischem Vorbild weiter, wie sie Jörg Kachelmann fordert? Borrmann: Eine Vorhersage verbunden mit einer Warnung kann durchaus sinnvoll und auch lebensrettend sein. Wenn sich Amerikaner aufgrund einer Tornado-Warnung in ihre Keller zurückziehen, wird sich hinterher keiner beschweren, wenn der Tornado das Nachbardorf verwüstet hat oder gar nicht aufgetaucht ist. Das Gleiche gilt für die in den Rocky Mountains oft vorkommenden „Flash floods”, also blitzartig auftretende Wassermassen, die sich meterhoch durch enge Täler ergießen und große Schäden anrichten. Ich habe selber in Boulder, Colorado, am Ausgang eines gefährdeten Tals gewohnt und war ziemlich dankbar für diese Warnungen. bdw: In den Tropen sind Starkregen an der Tagesordnung. Was können wir von dort lernen? Borrmann: Nicht besonders viel. Zwar ist in den tropischen Regenwaldgebieten das gesamte Ökosystem auf die täglich heftigen, aber meist kurzen Niederschläge ausgerichtet. Durch die Entwaldung hat der Mensch dort aber großen Schäden angerichtet. Böden werden deshalb verstärkt weggeschwemmt, und in Gebirgsregionen entstehen immer häufiger Schlammfluten. Ebenfalls in diesem August sind in China mehr als tausend Menschen umgekommen. So verheerend die europäischen Hochwässer auch waren, können wir doch erleichtert sein, dass uns eine solch hohe Zahl an Opfern erspart geblieben ist.
Wolfgang Hess





