bild der wissenschaft: Herr Professor Zitzelsberger, wieso ist es so schwierig, für kleine Strahlendosen eine zuverlässige Risikobewertung zu bekommen?
Horst Zitzelsberger: Bei kleinen Dosen bräuchten wir riesige Mengen an Zellen oder Versuchstieren, um bei einigen wenigen eine strahleninduzierte Krebsentwicklung zu finden.
Wie ermittelt man denn das Risiko für kleine Dosen?
Man nimmt die Daten, die man bei epidemiologischen Untersuchungen bei hohen und mittleren Dosen gefunden hat, etwa an den Opfern der Atombombenabwürfe auf Japan, und rechnet sie auf kleine Dosen herunter.
Können Sie denn nicht einfach feststellen, wie viele Zellen bei welcher Strahlendosis einen Schaden davontragen?
Doch, das können wir. Wir können zum Beispiel Doppelstrangbrüche in der DNA nachweisen. Aber vorherzusagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich aus diesem Schaden an einer einzelnen Zelle eine Krebserkrankung im Organismus entwickeln wird, ist äußerst schwierig. Epidemiologische und zellbiologische Daten sind derzeit nicht ohne Weiteres in Einklang zu bringen.
Besteht Hoffnung, in Zukunft mehr über das Krebsrisiko kleiner Strahlendosen zu lernen? Gibt es neue Forschungsansätze dazu?
Meiner Gruppe ist es vor Kurzem gelungen, bei Kindern mit Schilddrüsenkrebs aus der Umgebung von Tschernobyl eine Veränderung im Erbgut nachzuweisen, die nur vorhanden ist, wenn der Schilddrüsenkrebs von Strahlung verursacht wurde. Wir wissen bisher nicht, ob diese Veränderung von der Dosis abhängt. Sollte dies so sein, dann hätten wir zum ersten Mal die Möglichkeit, die von der epidemiologischen Seite ermittelten Risikowerte direkt zu überprüfen.
Gibt es einen Unterschied zwischen dem Risiko durch externe Strahlung und dem durch interne Strahlung, ausgelöst von Partikeln, die in den Körper gelangt sind?
Das herauszufinden, ist unter ande-rem Gegenstand des aktuellen EU- Forschungsprojekts DoReMi. Bei interner Strahlung werden die Zellen permanent bestrahlt, solange die radioaktive Substanz im Körper ist, bei externer Strahlung besteht die Strahlenbelastung nur vorübergehend. Bei Gamma- und Röntgenstrahlung spielt die Unterscheidung zwischen interner und externer Strahlungsquelle meiner Meinung nach keine Rolle, weil diese Strahlung sehr weit reicht. Es kommt hierbei nur auf die Dosis an. Bei Alpha-Strahlung macht es aber einen deutlichen Unterschied, ob der Strahler außerhalb des Körpers oder dicht am Erbgut sitzt.





