In jeder Sekunde erzeugt das Knochenmark nicht weniger als zwei Millionen rote Blutkörperchen, auch Erythrozyten genannt. Wäre jedes von ihnen ein Grashalm, könnte man mit den an einem einzigen Tag neu gebildeten Exemplaren rund 1000 Fußballfelder begrünen. Unter dem Mikroskop sehen die Erythrozyten aus wie kleine, in der Mitte eingedellte Scheiben, die so winzig sind, dass sie auch die allerfeinsten Blutgefäße, die Kapillaren, passieren können, ohne darin steckenzubleiben. Immerhin sind diese Kapillaren dünner als ein menschliches Haar.
Doch ihre Winzigkeit gleichen die roten Blutkörperchen durch ihre gewaltige Menge mehr als aus: Ein einziger Teelöffel Blut – er fasst circa fünf Milliliter Flüssigkeit – enthält etwa 25 Milliarden Stück. Geht man von einer mittleren Körperblutmenge eines Menschen von 5 Litern aus, ergibt das die unvorstellbare Zahl von 25 Billionen. Damit machen die winzigen Körperchen rund 45 Prozent des gesamten Blutvolumens aus. Könnte man alle roten Blutkörperchen eines durchschnittlich großen und schweren Mannes nebeneinanderlegen, würden sie eine Fläche von circa 3500 Quadratmetern bedecken. Hintereinander aufgereiht ergäbe sich eine Strecke von annähernd 200.000 Kilometern, was dem fünffachen Erdumfang entspricht. Und aufeinander gestapelt entstünde ein Turm von sage und schreibe 60.000 Kilometer Höhe.
Dass die Winzlinge „Körperchen“ und nicht „Zellen“ heißen, liegt daran, dass sie im Zuge ihrer Entwicklung ihren Kern und damit auch die darin enthaltene DNA sowie sämtliche anderen für eine Zelle charakteristischen Bestandteile (Organellen), abstoßen – im Gegensatz zu ihren weißen Kollegen übrigens, die zeitlebens alle typischen Zellmerkmale beibehalten.
Dass Erythrozyten auf alles, was sie zu einer veritablen Zelle machen würde, verzichten, ist für uns von großem Nutzen. Denn so ist im Inneren jedes einzelnen von ihnen Platz für nicht weniger als 250.000 kompliziert aufgebaute Hämoglobin-Moleküle. Deren Aufgabe ist es, in der Lunge Sauerstoff aufzunehmen, es während der Reise durch den Körper fest an sich zu binden und im Gewebe – dort, wo die Zellen es für ihren Betrieb dringend benötigen – wieder abzugeben und dafür das dort in großen Mengen anfallende Kohlendioxid aufzunehmen. Das tauschen sie wieder gegen Sauerstoff ein, sobald sie auf ihrer Reise erneut in der Lunge ankommen. Für einen kompletten Rundlauf Lunge – Herz – Arterien – Kapillaren – Venen – Herz – Lunge braucht so ein kleines Partikel rund eine Minute. Dass das Ganze ein überaus anstrengender Job ist, kann man sich vorstellen. Daher verwundert es nicht, dass ein rotes Blutkörperchen den ständigen Be- und Entladestress nur etwa vier Monate aushält. Danach ist es erschöpft – es wird in Leber oder Milz abgebaut und durch ein im Knochenmark neu gebildetes ersetzt.





