Die Frage „Wie wird man Kardinal?“ wirkt auf den ersten Blick unangebracht, handelt es sich bei dieser Würde nach unserem heutigen Verständnis doch mehr um eine Auszeichnung für langgediente – und deswegen nicht selten bereits hochbetagte – Würdenträger der römisch-katholischen Kirche. An eine Karrierestufe oder ein Berufsbild denken wir dabei aber nicht, zumal sich das Tätigkeitsprofil von Kardinälen nur schwer umreißen lässt. Lediglich eine einzige Aufgabe dürfte uns aus der jüngsten Geschichte noch frisch in Erinnerung sein: die Wahl eines neuen Papstes wie im April 2005. Mit der Papstwahl erfüllen die Kardinäle allerdings eine überaus wichtige Funktion, denn der Papst ist das Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken auf allen Kontinenten der Erde und damit schon allein von der Quantität her der weltweit bedeutendste Religionsführer.
Die Zusammensetzung, die Entstehung, die Geschichte und die Aufgaben des Kardinalskollegiums reichen mit ihren Traditionslinien zurück bis in das frühe und hohe Mittelalter, also in die Zeit vom 5. bis zum 13. Jahrhundert, und sind aus dieser Epoche heraus zu erklären. Das soll nachfolgend in vier Schritten geschehen: Einleitend ist kurz zu erläutern, wie sich der Begriff „Kardinal“ definieren lässt. Dann soll es um die Entstehung des Kardinalskollegiums im historischen Kontext des 11. und 12. Jahrhunderts gehen, bevor einige Antworten auf die im Titel formulierte Frage gegeben werden. Schließlich folgt ein Ausblick auf die weitere Entwicklung des Kardinalskollegiums und der Kardinalskreationen bis heute.
Zunächst ist zu unterscheiden zwischen der wörtlichen Herleitung des Begriffs und seiner übergeordneten Bedeutung. Wörtlich ist der Begriff „Kardinal“ abgeleitet von dem ursprünglich als Adjektiv gebräuchlichen lateinischen Wort cardinalis (von lateinisch cardo = Türangel, Angelpunkt, Hauptpunkt, Hauptsache und Gelenk). Cardinalis bedeutet also primär und klassisch „zum Angelpunkt, zum Hauptpunkt, zur Hauptsache gehörig“. Im übergeordneten Sinn gibt es für cardo im kirchlichen Kontext mehrere Deutungsmöglichkeiten. Die Hauptkirche eines Bistums kann damit ebenso gemeint sein wie der Bischof als Angelpunkt seiner Diözese oder die Kirche von Rom als Angelpunkt der christlichen Kirche insgesamt.
Entsprechend vielfältig war daher die Verwendung des Begriffs. In erster Linie wurde er für Geistliche benutzt, die an großen und wichtigen Kirchen auch außerhalb Roms tätig waren. In Verbindung mit der römischen Kirche ist die Bezeichnung vom 6. bis zum 8. Jahrhundert zunächst nur für die sieben Diakone der kirchlichen Regionen Roms bekannt, die als Verwalter, Spendensammler und in der Armenversorgung im Dienst des römischen Bischofs als dem cardo, dem Angelpunkt des Bistums, standen. Im 10. Jahrhundert wurden für die römische Kirchenverwaltung zwölf weitere Diakonate geschaffen, so dass die Zahl der Diakonate im Mittelalter idealerweise bei 19 lag…




