85 Prozent der Frauen werden im Laufe ihres Lebens mindestens einmal schwanger. Während der Schwangerschaft verändert sich der Körper gravierend, um die Entwicklung des Fötus zu unterstützen und die Geburt zu ermöglichen. So nehmen Plasmavolumen, Stoffwechselrate und Sauerstoffverbrauch zu, das Immunsystem passt sich an und die Muskeln und Bänder des Beckens werden lockerer. Gesteuert werden diese Veränderungen durch Schwangerschaftshormone wie Östrogen und Progesteron.
MRT-Scans während der Schwangerschaft
„Diese Hormone führen auch zu einer erheblichen Umstrukturierung des zentralen Nervensystems“, erklären Laura Pritschet von der University of California in Santa Barbara und ihre Kollegen. „Doch die neuronalen Veränderungen, die sich während der Schwangerschaft im mütterlichen Gehirn vollziehen, sind beim Menschen nicht gut untersucht.“ Bisherige Studien haben zwar bereits gezeigt, dass sich das Gehirn kinderloser Frauen von dem von Frauen nach mindestens einer Geburt unterscheidet. Was genau während der Schwangerschaft mit dem Gehirn passiert, war allerdings noch unklar.
„Wir wollten den Verlauf der Gehirnveränderungen speziell innerhalb des Zeitraums der Schwangerschaft untersuchen“, sagt Pritschet. Als Probandin stellte sich Co-Autorin Elizabeth Chrastil von der University of California in Irvine zur Verfügung. Im Alter von 38 Jahren wurde die Neurowissenschaftlerin durch künstliche Befruchtung schwanger. Die ersten MRT-Scans ihres Gehirns erstellte das Forschungsteam drei Wochen vor der Empfängnis, 15 weitere folgten während der Schwangerschaft. Nach der Entbindung verfolgten die Forschenden über zwei Jahre hinweg, wie sich das Gehirn ihrer Kollegin nach der Schwangerschaft entwickelte.
Schrumpfendes Gehirn
Das Ergebnis: „Es zeigte sich eine deutliche Abnahme des Volumens der grauen Substanz und der kortikalen Dicke im gesamten Gehirn“, berichten Pritschet und ihr Team. Die graue Substanz sind die Teile des Gehirns, die sich vorwiegend aus den Zellkörpern der Neuronen zusammensetzen. Bereits ab der neunten Schwangerschaftwoche beginnt dieser Teil des Gehirns zu schrumpfen, einhergehend mit einem starken Anstieg des Östrogen- und Progesteronspiegels. Den Forschenden zufolge ist das allerdings kein negatives Zeichen. „Die Verringerung der grauen Substanz spiegelt möglicherweise eine ‚Feinabstimmung‘ des Gehirns durch neuromodulatorische Hormone in Vorbereitung auf die Elternschaft wider“, schreiben sie.
Gleichzeitig nimmt die weiße Substanz, die die Nervenzellen miteinander verschaltet, zu. Auch das Volumen der Ventrikel – der flüssigkeitsgefüllten Hohlräume im Gehirn – und die Menge der Liquorflüssigkeit erhöhen sich. Diese Veränderungen waren bei der Probandin allerdings vorrübergehend und bildeten sich nach der Entbindung zurück. Die Verringerung der grauen Substanz dagegen scheint von Dauer zu sein. Auch zwei Jahre nach der Schwangerschaft waren die schwangerschaftsbedingten Veränderungen noch im MRT festzustellen.





