Das liegt auch unter anderem an der inhaltlichen Zusammenstellung des vorliegenden Bandes. Er versammelt verschiedene zwischen 1956 und 2009 entstandene Aufsätze Hobsbawms zum Marxismus. Neben bereits veröffentlichten, aber dem Verfasser zufolge erweiterten und neu überarbeiteten Darstellungen finden sich auch einige bislang noch unveröffentlichte Schriften. Thematisch gliedert sich der Band in zwei Blöcke. Im ersten Teil steht das Werk von Karl Marx und von dessen Mitstreiter Friedrich Engels im Mittelpunkt. Es werden die frühsozialistischen Einflüsse beschrieben, die auf beide wirkten. Zudem greift Hobsbawm zentrale Werke heraus, schildert ihre Verbreitungsgeschichte und wirft einen Blick auf den historischen Kontext, in welchem sie entstanden. Ein Aufsatz widmet sich dem „Kommunistischen Manifest“. Einige sich darin findende Prophezeiungen Marx‘ über die Entwicklungen des kapitalistischen Systems, wie etwa die Globalisierung der Produktion oder die Vorhersage, der Kapitalismus bringe die Zerstörung der Familie mit sich, sind für Hobsbawm heute zutreffender und deutlicher sichtbar als je zuvor. „Von welchem anderen Dokument der 1840er Jahre lässt sich das sagen?“, fragt der Autor. Der zweite Teil des Bandes lässt sich als Wirkungsgeschichte des Marxismus lesen. Er besteht vorrangig aus Aufsätzen, die den Einfluss des Marxismus von 1880 bis ins Jahr 2000 in verschiedenen Zeiträumen nachzuzeichnen suchen. Bislang unveröffentlicht war die Abhandlung über den Zeitabschnitt von 1983 bis 2000, den Hobsbawm als Phase des „Marxismus auf dem Rückzug“ schildert. Darin sucht der Autor nach den Gründen für den Niedergang des Marxismus am Ende des 20. Jahrhunderts. Allein aus dem „Zusammenbruch oder dem Wandel der marxistisch-leninistischen und maoistischen Regime“ lässt sich dieser für ihn nicht erklären. Schon vorher schwindet der Marxismus als Orientierungspunkt unter den Intellektuellen und vor allem innerhalb der Sozial- und Geisteswissenschaften. Den Abschluss bildet ein Essay über den Marxismus und die Geschichte der Arbeiterbewegung von ihren Anfängen bis zum Verblassen der alten Ideologie der sozialistischen Linken innerhalb der Arbeiterschaft. Die ein ganzes Jahrhundert bündelnde, kompakte, aber doch global weitsichtige Beschreibung des Sozialismus von einer Revolutions- zu einer Reformbewegung ist eines der gelungensten Kapitel des Bandes. Am Ende stehen der Verlust der Wirkungskraft des Sozialismus und der Siegeszug des radikalen Wirtschaftsliberalismus seit den 1970er Jahren. In den zurückliegenden fünf Dekaden galt für Hobsbawm der Erfolg des Kapitalismus in der allgemeinen Wahrnehmung schließlich geradezu als selbstverständlich. Kapitalist zu sein war kein Schimpfwort mehr. Erst die große Krise seit 2008 – eine „Art rechtes Pendant zum Fall der Berliner Mauer“, so Hobsbawm – habe zu einer Veränderung geführt. „Wir haben wieder gemerkt, dass der Kapitalismus nicht die Antwort, sondern die Frage ist“, schließt Hobsbawm seine Betrachtungen ab. Am Ende steht der Appell, dass man das Marx‘sche Denken zur Beantwortung dieser Frage weiterhin ernst nehmen, es nicht dem „Müllhaufen der Geschichte“ überlassen soll.




