von HARTMUT NETZ
Vier Promille sollen es richten. Stiege der Humusgehalt aller landwirtschaftlichen Böden weltweit um nur vier Promille pro Jahr, könnte der gesamte jährliche CO2-Ausstoß der Menschheit gebunden werden und wäre damit der Atmosphäre entzogen. Die sogenannte Vier-Promille-Initiative wurde während der Weltklimakonferenz 2015 in Paris vorgestellt. Sie umfasst heute 80 Unterzeichnerstaaten und zahlreiche Forschungsvorhaben weltweit – mit dem Ziel, den Humusgehalt landwirtschaftlicher Böden zu steigern und damit die CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu verringern.
Humus steht für den Anteil fein zersetzter organischer Substanz in den oberen Schichten des Erdreichs. Die Übergänge zum nicht zersetzten Anteil – in der Bodenkunde Detritus genannt – sind jedoch fließend. Und in beiden Sphären wimmelt es nur so von Leben. In einer Handvoll gesunder Erde existieren mehr Lebewesen, als es Menschen auf dem Planeten gibt. Das Edaphon, so der Fachausdruck für die Gesamtheit sämtlicher Bodenorganismen, ist permanent damit beschäftigt, Humus auf-, um- oder abzubauen. Beispielsweise überführen Bakterien, die mit 0,1 bis 20 Mikrometern nur etwa ein Hundertstel so groß sind wie der Durchmesser eines Menschenhaars, organische Substanzen in anorganische, für Pflanzen verfügbare Nährsalze.
Sie werden von Amöben gejagt: Einzellern ohne feste Form, die ihre Beute umfließen, einschließen und dann verdauen. Mykorrhiza-Pilze, deren weitläufige Fadengespinste das Erdreich wie Flechtwerk durchziehen, leben symbiotisch auf Pflanzenwurzeln und versorgen diese mit Nährstoffen und Wasser. Alle drei Arten gehören zur sogenannten Mikrofauna, die alle Bodenlebewesen, die kleiner sind als 0,2 Millimeter, vereint und deren Zahl an Individuen unermesslich ist. Hinzu kommt eine immense Fülle größerer Arten der Meso- und Makrofauna, etwa Milben, Springschwänze, Asseln, Käfer und Würmer – gesunde Böden sind Hotspots der Biodiversität.
Riesiger Speicher unter den Füßen
Geht es dem Bodenleben gut, speichern Böden enorme Mengen Kohlenstoff. Im Boden wurzelnde Gräser, Büsche, Bäume und Feldfrüchte entziehen der Atmosphäre für ihr Wachstum CO2 und wandeln es mithilfe von Wasser und Sonnenlicht in Glukose zum Aufbau neuer Zellen um – ein als Photosynthese bekannter Prozess. Sterben Pflanzen ab, werden sie zersetzt. Ein Teil des Kohlenstoffs, der in ihren Zellen steckt, gelangt als CO2 zurück in die Atmosphäre, der Rest wird in Böden mit gesunder Fauna zu Humus zersetzt und damit im Erdreich festgehalten. Denn Humus besteht zu fast 60 Prozent aus Kohlenstoff. Die Böden der gesamten Welt speichern in Summe mehr Kohlenstoff als Erdatmosphäre und die irdische Vegetation zusammen und bilden damit neben den Weltmeeren den größten Puffer gegen die Auswirkungen des Klimawandels.





