Wenn Babys auf die Welt kommen, sehen zunächst nur verschwommene Schemen und können noch keine Farben unterscheiden. Die Zapfen in ihrer Netzhaut, also die Sehzellen, die für unsere Farbwahrnehmung zuständig sind, entwickeln sich erst nach und nach. In der Phase, in der wir lernen, Objekte und Personen zu erkennen, können wir uns somit noch nicht auf farbliche Hinweise verlassen. Stattdessen muss sich unser Gehirn an Umrissen sowie an verschiedenen Helligkeitsabstufungen orientieren. Diese Fähigkeit behält es unser Leben lang, auch wenn später Farbinformationen hinzukommen. So können wir auch auf monochromen Fotos oder in Schwarz-weiß-Filmen ohne größere Probleme Gegenstände und Personen erkennen.
Humanitäres Projekt in Indien
Anders geht es Menschen, die ihr Augenlicht erst spät erhalten haben. „An unserer Studie haben zehn junge Menschen zwischen acht und 26 Jahren teilgenommen, die durch einen angeborenen Grauen Star blind zur Welt kamen und erst später durch eine Operation die Fähigkeit erlangt haben zu sehen“, berichtet ein Team um Marin Vogelsang vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Die Teilnehmenden wurden im Rahmen eines humanitären und wissenschaftlichen Projekts namens Prakash operiert, das sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen mit angeborener, aber leicht zu behandelnder Blindheit zu helfen.
Für das Experiment zeigten die Forschenden den Testpersonen verschiedene Bilder von Tieren, Pflanzen, Fahrzeugen und Gegenständen und baten sie, diese zu benennen. Dabei sahen die Teilnehmenden die Bilder zunächst in schwarz-weiß und in einer zweiten, späteren Sitzung in Farbe. „Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Leistung bei Farb- und Graustufenbildern in der Prakash-Gruppe signifikant unterschied“, berichtet das Team. So hatten alle Teilnehmenden größere Probleme, die jeweiligen Objekte in schwarz-weiß zu erkennen. Als Kontrollgruppe dienten zehn normalsichtige Menschen mit ähnlichem Alter und sozioökonomischen Status. Während der Versuche trugen sie eine Brille, die ihre Sicht leicht unscharf machte, sodass sie der der Prakash-Gruppe ähnelte. Dennoch machte es für sie keinen relevanten Unterschied, ob die Objekte in Farbe oder in Graustufen präsentiert wurden.
Farbsicht von Anfang an
„Diese Ergebnisse veranlassten uns, zu untersuchen, wie normal sehende Kinder eine vollständige Generalisierung erreichen und was Prakash-Kinder daran hindert, dies zu tun“, berichten die Forschenden. Ihre Hypothese: Dadurch, dass die Prakash-Kinder von Anfang an Farben sehen, lernt ihr Gehirn nie, auch die Helligkeitsunterschiede in Graustufen-Bildern zu interpretieren. Um diese Vermutung zu untermauern, wiesen die Wissenschaftler zunächst nach, dass die Farbwahrnehmung tatsächlich direkt nach der Operation intakt ist. „Schon in der ersten postoperativen Sitzung, die nur zwei Tage nach der Operation stattfand, erreichten die Prakash-Kinder bei der Farberkennung eine vergleichbare Genauigkeit wie normal sehende Kontrollpersonen“, so das Team. „Das zeigt, dass die Prakash-Kinder direkt eine voll ausgereifte, gut funktionierende Farbsicht haben.“





