Frank Sinatra nannten sie nur „the Voice” (die Stimme), Elvis Presley hingegen “the Pelvis” (das Becken). Der Unterschied ist bezeichnend. Von Anfang an beinhaltete die Wahrnehmung Elvis Presleys auch immer dessen “Starkörper”. Seinem Publikum bot er immer beides zugleich: Ohren- und Augenweide, insofern war Elvis – was heute jeder Newcomer im Showgeschäft beherrscht – als Popstar das erste Gesamtkunstwerk. 1956, im Jahr seines großen Durchbruchs, spaltete er damit wie kein anderer die amerikanische Nation, polarisierte Meinungen und Emotionen. Den Älteren galt er als obszön, ja als “kannibalisch und primitiv”, den Jüngeren als Rebell gegen Konventionen und Spießbürgertum. Auch als der “Spiegel” ihm Ende jenes Jahres erstmals eine Titelgeschichte widmete, war die Beckenarbeit des Rock’n ’Roll-Stars das Thema. Elvis bewege sich, als habe er “einen Preßlufthammer verschluckt”.
“Für den Kultursektor,” so notierte ein US-Kolumnist, “hatte er etwa dieselbe Bedeutung wie die Atomspaltung oder die Erfindung der Glühbirne für die Naturwissenschaften. Es brach die Hölle los”. Auch musikalisch hatte Elvis Neues zu bieten: er verband verschiedene Stilrichtungen des Südens wie Blues, Gospel und Country zu einer eigentümlichen Mischung. Im Juli 1954 hatte er mit ein paar befreundeten Musikern einen seiner ersten Rock’n’Roll Titel aufgenommen: “That’s all right (Mama)”. Der “schwarze” Einfluß war hier noch sehr viel deutlicher zu spüren als in den Superhits des späteren “King of Rock’n’Roll” wie “Hound Dog”, “Jailhouse Rock” oder “Blue Suede Shoes”. Damit stellte sich Elvis Mitte der 1950er Jahre in die Reihe der zornigen jungen Männer wie Marlon Brando (“der Wilde”) oder James Dean (“Denn sie wissen nicht, was sie tun”). “Ich glaube, die Musik von Elvis Presley hat uns aufgerufen, als die Zeit für Rebellion reif war. Wir leben heute im Atomzeitalter, alles hat Stromlinie – alles, nur nicht die Musik. Ich glaube wirklich, daß die völlige hypnotische Verzauberung, die Elvis mit seinem Gesang ausübt, ein Produkt unseres Selbst ist. Wir können uns zwar nicht auf die Bühne stellen und wie Elvis singen, aber wir können ‚Amen‘ rufen.”
Unübersehbar zutage getreten war diese “hypnotische” Wirkung erstmals am 13. Mai 1955. An diesem Tag gab Elvis, der es bis dahin nur zu regionaler Bekanntheit gebracht hatte, ein Konzert in Jacksonville/Florida. Dabei machte er einen kapitalen Fehler, den er in seiner späteren Karriere nie wiederholen sollte. Lasziv hauchte er ins Mikrophon: “Mädels, wir sehen uns hinter der Bühne!” Der Effekt blieb nicht aus: Hunderte kreischender Teenager stürzten sich auf ihn, rissen ihm sein pinkfarbenes Hemd vom Leib, sein Jackett, seine Schuhe, seine Socken. An Armen und Brust trug er Blutergüsse davon, im Gesicht Lippenstiftspuren. Auf dem Parkplatz wurde die Polsterung seines Cadillacs herausgerissen, Dutzende von Telefonnummern waren in den Lack geritzt, die Scheiben von Lippenstiftfett blind.
Ein gewisser Colonel Parker hatte alles aufmerksam beobachtet – und war zu dem Schluß gekommen, daß dieser Junge ihn für den Rest seines Lebens würde bestens ernähren können. Thomas Andrew Parker war mitnichten ein Colonel, sondern ein illegal eingewanderter Niederländer, der diesen Titel vom Gouverneur von Lousiana ehrenhalber verliehen bekommen hatte. Doch Parker, ein Hochstapler, ein Gauner und Spieler, hatte Verbindungen zur mächtigen amerikanischen Musikindustrie, zu den großen Labels wie RCA Victor. Er managte diverse Country-Sänger wie Eddie Arnold oder Hank Snow. Parker war beeindruckt, mit welcher Inbrunst vor allem die weiblichen Fans ein Stück von Elvis an sich reißen wollten und sich hemmungslos die Bluse öffneten, damit dieser ihre Büstenhalter signiere. Mit diesem Jungen ließ sich ein Starkult inszenieren, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hatte.




