„Die Frage ist aber, ob… nicht am Ende dem Sport auch darum heute ein so ausgezeichneter Platz in der Hierarchie der Kollektivwerte ausgewiesen wird, weil er den Massen die willkommene und von ihr voll ausgenutzte Möglichkeit der Zerstreuung bietet. Der Zerstreuung in des Wortes entscheidender Bedeutung und auch des Glanzes. Denn als Sportgrößen können es zahlreiche Leute zu Ansehen bringen, die sonst anonyme Gemeine in der Angestelltenarmee blieben.”
Diese Diagnose über die Motive der Sportbegeisterten stellte der Soziologe Siegfried Kracauer in seiner Studie “Die Angestellten” aus dem Jahr 1930. Tatsächlich war die neue Sportbegeisterung bei der in den 1920er Jahren stetig wachsenden Angestelltenschicht besonders ausgeprägt. Wie das Kino, das zur selben Zeit seinen Siegeszug antrat, ermöglichte es ihnen auch der Sport, für kurze Zeit am Glanz und der Größe ihrer Idole teilzuhaben und die Existenzsorgen zumindest für einige Zeit zu vergessen. Beliebt waren diejenigen Sportarten, in denen der Wettkampfcharakter dominierte. Auch die genau meßbaren Rekorde standen in der Gunst des Publikums ganz oben. Wie im Arbeitsprozeß fand auch im Sport zunehmend eine Rationalisierung und Verwissenschaftlichung statt. Entgegen früherer Ideale vom Gentleman-Sport und dessen Amateurgedanken dominierte allmählich die Professionalisierung, dessen oberstes Ziel der meßbare Erfolg war. Der Angestellte in der Sportarena fand hier dasselbe Szenarium wieder, daß er aus dem Alltag kannte. Jedoch: statt seines Arbeitsumfeldes, in dem er nichts zu entscheiden hatte, sah er hier den zum Sieg entschlossenen Athleten, der verwirklichte, was ihm versagt blieb. Besonders im Fußball wurde der Kompensationscharakter des Sports deutlich. In Gelsenkirchen, der Heimatstadt des legendären Fußballvereins FC Schalke 04, waren 1931 rund 67 Prozent der erwachsenen Mitgliedern des Westdeutschen Spielverbandes arbeitslos. Schalke bot ihnen Trost und ein wenig Stolz in dieser entwürdigenden Situation…
Dr. Jörg Schweigard




