In der Natur setzen sich in der Regel solche Genmutationen durch, die für ihre Träger von Vorteil sind. Genvarianten, die dem Alterungsprozess von uns Menschen entgegenwirken und unsere Lebenserwartung erhöhen, stellen einen solchen Vorteil dar und sollten daher theoretisch langfristig von Generation zu Generation stärker weitergegeben werden als Gene, die das Gegenteil bewirken. Doch die Realität scheint dieses Prinzip zu widerlegen: Wie frühere Einzelfall-Studien zeigten, geben wir Menschen und auch Tiere überdurchschnittlich häufig Genvarianten weiter, die uns altern lassen und unsere Lebenserwartung senken. Allerdings nur dann, wenn diese Mutationen zugleich bewirken, dass wir in jungen Jahren viel Nachwuchs bekommen.
Die Wissenschaft bezeichnet dieses genetische Tauziehen um die gleichzeitigen Vor- und Nachteile derselben Genvarianten als „antagonistische Pleiotropie-Hypothese“, wobei die Kinderzahl scheinbar stärker wiegt als das Lebensalter. Evolutionär betrachtet könnte dies sinnvoll sein, weil es eine möglichst zahlreiche Weitergabe der eigenen Gene fördert – und damit die evolutionäre Fitness der Art. Ob die 1957 aufgestellte Theorie tatsächlich stimmt, ist jedoch auch unter Experten umstritten, weil sie bislang nicht eindeutig bewiesen werden konnte. Denn zu beiden Aspekten – vielen Kindern und einem langen Leben – tragen nicht nur ein Gen, sondern zahllose Genvarianten und Umweltfaktoren bei.
Genetisches Tauziehen zwischen Lebenserwartung und Fruchtbarkeit
Um der Lösung dieses Rätsels näher zu kommen, haben Erping Long von der Chinesischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (CAMS) und Jianzhi Zhang von der University of Michigan nun erstmals eine umfassende Analyse durchgeführt und Daten von rund 276.400 Menschen aus der britischen UK Biobank analysiert – einer der größten biomedizinischen Datensammlungen weltweit. Die beiden Forscher verglichen die Gensequenzen der Testpersonen mit der tatsächliche Lebenserwartung, der Kinderzahl und dem Alter bei der ersten und letzten Menstruation. Dabei berücksichtigten sie 583 Genvarianten, die für die Fortpflanzung wichtig sind. Daraus ermittelten sie statistische Kennzahlen, die einen Vergleich erleichtern.
Dabei zeigte sich: Männer und Frauen mit höheren Werten für Gene, die sie für eine erfolgreiche Fortpflanzung prädisponieren, hatten zugleich eine geringere Chance, 76 Jahre oder älter zu werden. Zudem nahmen diese Genvarianten zwischen 1940 und 1969 in der Studienpopulation zu, wie die Forscher berichten. Das legt nahe, dass die Gene für eine bessere Fortpflanzung tatsächlich über die Jahrzehnte weitervererbt wurden und sich evolutionär durchsetzten, obwohl sie mit einer kürzeren Lebenserwartung verbunden waren.





