Doch handelt es sich bei San Michele nicht nur um den einzigartigen Sonderfall einer Toteninsel, sondern – und zwar im Hinblick auf ihre Eigenschaft als Friedhof – auch um ein aufschlussreiches, weil allgemeingültiges Beispiel für die Entwicklung, die der Umgang mit den Verstorbenen im 19. und 20. Jahrhundert genommen hat. Denn erst seit dem 28. Juni 1813, als hier die sterblichen Überreste der Kammerzofe Maria Bosa beigesetzt wurden, gibt es ihn überhaupt, den venezianischen Zentralfriedhof. Zuvor waren die toten Venezianer auf den Kirchhöfen in der Stadt beigesetzt worden, und mancher Straßenname zeugt noch heute davon, wie etwa der „Campiello dei Morti“, der „Totenplatz“ bei der Kirche San Trovaso, oder die „Calle del Cimitero“, die „Friedhofsgasse“ bei San Francesco della Vigna.
Die Nähe der Friedhöfe zu den Kirchen war zwar in mancherlei Hinsicht unpraktisch, zumal in einer Stadt, in der Grund und Boden so knapp und kostbar waren wie in Venedig. Doch nach der christlichen Theologie war ebendiese Nähe der Verstorbenen zu den Heiligen von zentraler Bedeutung für das Seelenheil. Die Fürbitte der Heiligen, ihre intercessio bei Gott zugunsten der reuigen Sünder, war nach katholischer Gnadenlehre imstande, die Strafen des Fegefeuers zu verkürzen. Und da die Präsenz der Heiligen durch die in den Kirchen aufbewahrten Reliquien gesichert war, nimmt es nicht wunder, dass die Bestattung ad sanctos, bei den Heiligen, als unbedingt erstrebenswert galt.
Angehörige der gesellschaftlichen Führungsschichten bemühten sich folglich darum, nicht nur in der Nähe der Kirche, sondern im Kirchenraum selbst beigesetzt zu werden. Damit stießen sie zwar schon seit dem frühen Mittelalter auf den energischen Widerstand des Klerus, der es keineswegs gern sah, dass Laiengrabmäler den Kirchenraum verstopften. Und tatsächlich muss der Anblick (und nicht zuletzt der Geruch!) vieler Kirchen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig gewesen sein. Häufig ragten die steinernen Grabplatten über das Bodenniveau hinaus, was die Bewegung in der Kirche zum Hindernislauf machte.
Großer Beliebtheit erfreuten sich Katafalke, die mit beträchtlichem Aufwand aus Gips und Leinwand errichtet wurden, da die Auftragsvergabe für ein Grabmal oft erst nach dem Tod durch die Hinterbliebenen erfolgte. Verzögerte sich dann die Fertigstellung des Grabmals oder wurde es überhaupt nicht errichtet – etwa weil die Familienangehörigen nicht das nötige Kapital besaßen oder zur Verfügung stellen mochten –, wurde aus dem Provisorium eine Dauerlösung von wenig reputierlichem Anblick. Isidoro Clario, Bischof von Foligno, kleidete seine Kritik an diesem Sachverhalt 1555 in die Form einer bitteren rhetorischen Frage: „Man achtet mehr auf die Ehre der weltlichen [Adels-]Häuser als auf diejenige der Kirche. Denn wer würde sein Haus zur Wohnstatt verwesender Kadaver machen?“ Noch drastischer hatte sich einige Zeit zuvor der Bischof von Verona Giovanni Matteo Giberti geäußert: „Wir verachten die Prachtentfaltung von einigen, die sich vermessen, Grabmäler zu errichten, die mit wunderbarer Kunstfertigkeit und größten Kosten hergestellt wurden … und nicht der Erde die Erde zurückgeben wollen; so dass selbst nach dem Tod des Fleisches die weltliche Hoffart fortdauert, während doch der Ort der Erde allein die Erde ist und es ganz gleich bleibt, ob der Körper sich in einem ehrenvollen Monument auflöst oder in einem elenden Loch im Boden stinkt.“




