Abweisend ragt die kahle Wand in die Höhe. Ein unscheinbarer, etwas dicklicher kleiner Mann mittleren Alters im abgetragenen Straßenanzug steigt kurz vom Fahrrad und lehnt sich ein letztes Mal an die Mauern des Air-Force-Stützpunkts Bridlington, hinter denen er in den vergangenen Jahren so etwas wie ein Zuhause gefunden hat. Dann radelt er davon. Wenige Meilen entfernt erwartet ihn bereits eine gierige Meute von Reportern, die sein Cottage „Clouds Hill“ regelrecht belagert und ihn zur Flucht nach London zwingt. Erst als er, drei Wochen danach zurückgekehrt, den Zudringlichsten der Belagerer mit einem gezielten Fausthieb aufs Auge außer Gefecht setzt, ziehen sich die Paparazzi zurück. Zwei Monate später ist der kleine Mann tot, verunglückt mit dem Motorrad bei einer Fahrt zur Post. Auf seinem letzten Weg begleiten ihn Teile der militärischen und politischen Elite Großbritanniens. Zu Grabe getragen wird an jenem 19. Mai 1935 Thomas Edward Lawrence, „der größte Feldherr aller Zeiten“ (so sein Biograph Basil Lidell Hart), „das größte Genie, das England in den letzten 200 Jahren hervorgebracht hat“ (Walter F. Stirling) – oder doch nur „ein infernalischer Lügner“ (George Bernard Shaw)? Überdauert hat bis heute ein Mythos: „Lawrence von Arabien“.
Hochbegabt, von seinen Mitmenschen und den an ihn gestellten Aufgaben meist eher gelangweilt, blieb Lawrence zeitlebens ein Außenseiter. Dazu trug auch seine Herkunft bei: Der Vater, ein anglo-irischer Adliger, war aus einer unglücklichen Ehe in die Arme der Gouvernante seiner vier Töchter geflohen und hatte – da seine Ehefrau die Scheidung verweigerte – in den ersten Jahren mit ihr häufig den Wohnort gewechselt, um unerkannt zu bleiben und so den insgesamt fünf gemeinsamen Söhnen gesellschaftliche Nachteile durch das Skandalon der „wilden Ehe“ ihrer Eltern möglichst zu ersparen. Schließlich ließ sich das Paar unter dem gemeinsamen „Familiennamen“ Lawrence in Oxford nieder, um seinen Kindern eine gute Schulbildung und ein Studium zu ermöglichen. Eine Offiziersausbildung in Sandhurst blieb ihrem zweitältesten Sohn Thomas, 1888 im walisischen Tremadoc geboren, jedoch aufgrund seiner unehelichen Geburt, der finanziellen Belastung des Vaters, der nicht nur die neue Familie, sondern auch seine Ehefrau mit den vier ehelichen Töchtern zu unterhalten hatte, sowie aufgrund seiner geringen Körpergröße von nur 1,65 Metern verschlossen.
Schon von Jugend an war Thomas Edward Lawrence bestrebt, sich mit unbeugsamem Willen körperlich und geistig hervorzutun. Ständig suchte er nach neuen, adäquaten Herausforderungen für seinen ruhelosen Verstand. Sehr gute Schulabschlüsse öffneten ihm den Zugang zur Universität, wo er 1907 ein Stipendium am „Jesus College“ in Oxford erwarb. Zum Wintersemester nahm er dort das Studium der Geschichte auf. Besonderes Interesse hatte er am Mittelalter, weshalb er im Sommer vor Semesterbeginn mit einem Schulkameraden eine Fahrradtour durch die Bretagne unternahm, um dort Burgen und Kirchen zu besichtigen. Doch besonders stolz berichtete er den Eltern von seinen körperlichen Leistungen, von seinen stahlhart gewordenen Muskeln, den oftmals mehr als 160 Kilometern, die er täglich zurücklegte.




