Die von Fledermäusen bekannte Echoortung ist ein geniales Patent der Natur. Kein Wunder also, dass sich der Mensch dieses Prinzip inzwischen für zahlreiche technische Anwendungen zunutze macht – vom Radargerät bis hin zum Hightech-Blindenstock mit Ultraschallsensoren. Doch nachahmen lässt sich die Echoortung nicht nur für Geräte. Einige blinde Menschen wenden inzwischen sogar selbst Fledermaus-Technik an: Sie schnalzen und klicken beim Gehen mit der Zunge und erkennen anhand des reflektierten Schalls Hindernisse in ihrer Umgebung. Diese Klicksonar genannte Methode wurde in den 1990er Jahren von dem blinden Daniel Kish in Amerika populär gemacht. Inzwischen werden aber auch in Deutschland immer mehr Blinde in dieser anderen Art des Sehens ausgebildet. “Sehen” trifft es dabei ziemlich genau, wie sich inzwischen zunehmend abzeichnet. Denn offenbar nutzen echoortende Blinde Bereiche ihres Gehirns, die normalerweise für die Verarbeitung der vom Auge aufgenommenen Reize zuständig sind.
Neuronale Karte im Gehirn
Wie gut sich das Gehirn an die Verwendung des Klicksonars anpassen kann, enthüllen nun Untersuchungen von Liam Norman und Lore Thaler von der Durham University. Die Forscher hatten für ihre Studie den primären visuellen Cortex untersucht. Bei sehenden Menschen verarbeitet diese Hirnregion in die Retina einfallende Lichtreize. Die Neuronen in diesem Bereich stellen dabei eine Art räumliche Karte unserer Umgebung dar: Einfallendes Licht von Punkten, die im Raum nebeneinander liegen, aktivieren auch nebeneinanderliegende Punkte im Gehirn. Könnte es sein, dass echoortende Blinde die räumliche Zuordnung im visuellen Cortex nutzen, um nicht Licht, sondern Echos zu verarbeiten? Um dies herauszufinden, spielten die Wissenschaftler 15 Probanden Klicklaute vor, die von einem Gegenstand an jeweils unterschiedlichen Positionen im Raum reflektiert wurden. Die Teilnehmergruppe setzte sich dabei aus sehenden Menschen sowie echoortenden und nicht im Klicksonar geschulten Blinden zusammen.
Was würde beim Hören der Geräusche in ihrem Gehirn passieren? Die Auswertungen mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) zeigten: Tatsächlich lösten die Echos bei echoortenden Blinden exakt dieselben Aktivierungsmuster aus, wie sie bei sehenden Menschen durch visuelle Reize ausgelöst werden. Demnach scheint ihr visueller Cortex Geräusche ähnlich räumlich zu kartieren wie er es bei Sehenden mit Licht tut. Bei den sehenden und auch bei den nicht zum Klicksonar fähigen blinden Probanden zeigte sich dieser Zusammenhang dagegen nicht. Das bedeutet, dass das Blindsein allein keineswegs ausreicht, damit sich der visuelle Cortex auf die Verarbeitung anderer Reize spezialisiert. Interessant auch: Je stärker die Aktivierungsmuster im Gehirn der echoortenden Blinden der von Sehenden bekannten “neuronalen Karte” glichen, desto besser konnten sie die Position des Gegenstands im Raum erkennen.





