Staudämme sind ein wichtiger Bestandteil der modernen Wasserinfrastruktur, die die Landwirtschaft, die Wasserversorgung und die Energieerzeugung unterstützen. Doch wenn die Dämme zerstört werden, bedeuten die riesigen aufgestauten Wassermassen ein beträchtliches Risiko für Mensch und Natur. Bislang bezogen sich Bedenken meist eher darauf, dass alternde Dämme durch strukturelle Schwächen brechen könnten. Doch zunehmend rücken auch menschliche Konflikte als potenzieller Risikofaktor in den Fokus – obwohl die vorsätzliche Zerstörung von Staudämmen gemäß der Genfer Konvention verboten ist.
Wasser als Waffe
„Moderne Kriegsführungsstrategien haben die Notwendigkeit bodengestützter Operationen verringert, aber Flüsse sind nicht nur weiterhin Kampfhindernisse, sondern werden zunehmend als Waffen eingesetzt“, erklärt ein Team um Oleksandra Shumilova vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. „Die vorsätzliche Zerstörung von Dämmen ist in der Ukraine wiederholt vorgekommen. Das verheerendste Ereignis ereignete sich am 6. Juni 2023, als der Kachowka-Damm am Fluss Dnipro nach wiederholten Angriffen zusammenbrach.“
Der Dammbruch löste nicht nur eine humanitäre Katastrophe aus, sondern verursachte auch eine Umweltkrise. Shumilova und ihr Team haben die Umweltfolgen nun anhand von Feldstudien, Fernerkundungsdaten und hydrodynamischer Modellierung erforscht. Demnach zerstörten die Wassermassen nicht nur akut zahlreiche geschützte Ökosysteme. Sie verteilten zudem giftige Sedimente, die ursprünglich am Grund des Stausees lagerten.
Kontaminiertes Sediment
Das Forschungsteam spricht in diesem Zusammenhang von einer „toxischen Zeitbombe“: Freigesetzt wurden bis zu 1,7 Kubikkilometer Sediment, die teils hoch kontaminiert waren. „Zu den Verunreinigungen gehören Schwermetalle, Stickstoff und Phosphor, die aus industriellen und landwirtschaftlichen Quellen stammen“, berichtet das Team. Diese bringen langfristige gesundheitliche und ökologische Risiken mit sich. „Nicht abbaubare Schwermetalle können das Nervensystem schädigen, die Funktion des Hormonsystems stören und Geburtsfehler verursachen.“
Bezüglich der von der Überflutung verursachten direkten Schäden gehen die Forschenden davon aus, dass innerhalb von fünf Jahren 80 Prozent der Ökosystemfunktionen wieder hergestellt sein können. Im Frühling 2024, knapp ein Jahr nach der Katastrophe, zeigten Feldbeobachtungen, dass sich unter anderem bereits wieder Wildschweine im betroffenen Gebiet angesiedelt hatten. Auch die biologische Vielfalt der Flusssysteme wird sich innerhalb von zwei Jahren deutlich erhöhen, so die Forschenden. Die Schwermetallbelastung wird allerdings laut Shumilova und ihrem Team voraussichtlich weitergehende Maßnahmen erfordern. Teilweise könnte der gezielte Einsatz von Pflanzen, die Schwermetalle biologisch binden, das Problem abmildern. Zusätzlich könnte der Bau von temporären Barrieren dazu beitragen, dass sich die belasteten Sedimente weniger ausbreiten.





