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Wie die Zeit vergeht
Wie die Zeit vergeht, lässt sich mit dem Musikstück 4‘33“ des amerikanischen Komponisten John Cage erfahren. Es besteht aus vier Sätzen und keinem einzigen Ton. Für vier Minuten und 33 Sekunden ist es still. Avantgardistischer Quatsch? Da passiert ja gar nichts? Doch, da passiert was. Vier Minuten und 33 Sekunden…
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Von Tobias Hürter
Wie die Zeit vergeht, lässt sich mit dem Musikstück 4‘33“ des amerikanischen Komponisten John Cage erfahren. Es besteht aus vier Sätzen und keinem einzigen Ton. Für vier Minuten und 33 Sekunden ist es still. Avantgardistischer Quatsch? Da passiert ja gar nichts? Doch, da passiert was. Vier Minuten und 33 Sekunden lang vergeht die Zeit. Selten sonst ist sie so deutlich zu erleben, unverstellt von Ereignissen, nicht übertönt von irgendwelchen Geräuschen. Selten sonst zeigt sich, wie unterschiedlich Menschen mit Zeit umgehen. Manche im Publikum lehnen sich zurück und genießen diese viereinhalb Minuten. Anderen ist die entblößte Zeit schier unerträglich. Sie rutschen auf den Stühlen herum, schauen auf die Uhr, kratzen sich an der Nase, kämpfen gegen ihren Drang, ihr Handy zu checken.
Nichts ist alltäglicher als die Zeit. Nichts ist grundlegender für unser Erleben. „Zeit“ ist eines der häufigsten gebrauchten Substantive im Deutschen. Wenn es langweilig ist, spüren wir die Sekunden kriechen. Im Urlaub scheinen die Tage dahinzufliegen. Doch die Zeit lässt sich nicht bremsen oder ankurbeln. Wir sind chronisch unzufrieden mit ihr. Jeder hat zu wenig von ihr. Künstler und Liebende wollen die Zeit festhalten. Meditierende wollen sich das Jetzt zurückgewinnen. Mediziner wollen uns ein bisschen mehr Lebenszeit verschaffen.
Die Geschäftigkeit steckt schon in der Sprache. Alle Welt will sie „sparen“ oder „gewinnen“. Zeit ist eine „Ressource“. „Zeitmanagement“ ist angesagt, Effizienzsteigerung, Beschleunigung und Entschleunigung. Wir „verlieren Zeit“, zum Beispiel im Stau. „Die Zeit wird knapp“, oder sie „drängt“. Aber man kann nur etwas verlieren, was man hat, und die Zeit gehört niemandem. Sie vergeht einfach. Drängen können uns nur andere Menschen oder wir uns selbst. Nur gemessen an dem, was wir uns vorgenommen haben, kann die Zeit knapp werden. „Der Eindruck der Zeitknappheit entsteht durch
die Überforderung des Erlebens durch Erwartungen“, schreibt der Soziologe Niklas Luhmann.
Trotz ihrer Allgegenwart bleibt die Zeit ein rätselhaftes Phänomen. „Was also ist die Zeit?“, schrieb der Philosoph, Bischof und Heilige Augustinus um das Jahr 400 in seinen „Bekenntnissen“. „Wenn niemand mich darüber fragt, so weiß ich es, wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“ Genauso ist es auch noch 1600 Jahre später. Fragt man heute Wissenschaftler, die die Zeit erforschen, so rätseln auch sie. Was Zeit wirklich ist und wie das Gehirn mit ihr umgeht, sind faszinierende, längst nicht abschließend beantwortete Fragen. Vergeht die Zeit wirklich in der physikalischen Welt, oder nur in unserer Vorstellung? Ist die Zukunft bereits vorbestimmt?
Viele Menschen stellen sich die Zeit wie einen Fluss vor, der ihnen aus der Zukunft entgegenkommt und in die Vergangenheit entschwindet. Die Vorstellung, dass die Zeit vergeht, ist zunächst nur das: eine Vorstellung. In physikalischen Theorien vergeht die Zeit nicht – sie ist eine Größe wie die Dimensionen des Raums. Merkwürdig, da stehen sich zwei scheinbar unverträgliche Denkweisen über die Zeit gegenüber: erlebte Zeit und wissenschaftliche Zeit, beide mit guten Argumenten für sich.
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Am 6. April 1922 standen sich diese gegensätzlichen Auffassungen der Zeit tatsächlich gegenüber. An diesem Tag gerieten zwei der größten Geister jener Zeit in einen denkwürdigen Streit: der ziemlich bekannte deutsche Physiker Albert Einstein und der damals weitaus bekanntere französische Philosoph Henri Bergson. Der Schauplatz ihres Aufeinandertreffens war Paris, der Gegenstand war ein ewiges Rätsel: das Wesen der Zeit. Aber es ging nicht nur um die auseinanderliegenden Ansichten zweier kluger Männer. Es ging um die Vorherrschaft zweier Disziplinen. Naturwissenschaft gegen Philosophie.
Bergson beglückwünschte Einstein zu dessen Relativitätstheorie. Doch wenn es daran ging, das Phänomen Zeit zu erklären, bestand er auf dem Vorrang der Philosophie. Zeit werde nun mal erlebt und nicht berechnet, argumentierte er. „Il n‘y a donc pas un temps des philosophes“, antwortete Einstein darauf: „Dann gibt es die Zeit der Philosophen nicht.“ Diesen Satz sagte er vor der versammelten französischen Philosophenschaft. Welch eine Unverschämtheit! Bergson war empört.
Heute diskutieren Philosophen diesen Gegensatz, der sich damals zeigte, anhand zweier Theorien, die sie ziemlich prosaisch „A-Theorie“ und „B-Theorie“ nennen. Die A-Theorie entspricht der Position Bergsons. Sie fasst unser intuitives Verständnis der Zeit in zwei Kernthesen: Erstens, die Zeit vergeht wirklich – nicht nur in unserer Vorstellung. Zweitens, der gegenwärtige Augenblick ist ein besonderer, ausgezeichnet vor der Vergangenheit und der Zukunft – nicht nur in den Augen eines Beobachters, sondern objektiv.
Die B-Theorie bestreitet beide Kernthesen der A-Theorie. In ihr gibt es keinen privilegierten Augenblick namens Jetzt oder Gegenwart. Die Ereignisse der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft existieren gleichberechtigt nebeneinander, sie gehen nicht ineinander über. Die Zeit fließt nicht. Die A-Theorie entspricht der Position, die Henri Bergson vor hundert Jahren vertrat: nah am alltäglichen Erleben der Zeit. Die B-Theorie entspricht der Position Einsteins: nah an der Wissenschaft. A und B, das ist eine trockene, aber übersichtliche Nomenklatur. Die Details sind etwas komplizierter.
Es gibt mehrere Varianten der A-Theorie. Sie unterscheiden sich darin, wie der Moment der Gegenwart gegenüber Vergangenheit und Zukunft privilegiert ist. Die schlankste Variante heißt Präsentismus: In ihm ist die Gegenwart der einzige Moment, der überhaupt existiert. Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht. Stets existieren nur die gegenwärtigen Dinge – das macht die Gegenwart zum besonderen Moment. Es war einmal der Fall, dass Dinosaurier existieren. Jetzt existieren keine Dinosaurier mehr. Damals existierten keine Menschen, jetzt existieren welche. Es wird wieder eine Zeit kommen, da keine existieren. Aus der Sicht des Präsentismus besteht der Fluss der Zeit darin, dass sich verändert, welche Dinge existieren: stets nur die gegenwärtigen. Was existiert, ist gegenwärtig – und umgekehrt.
Großzügiger in Sachen Existenz ist eine andere Variante der A-Theorie: die Growing-Block-Theorie („wachsender Block“). Ihr Universum wächst immer weiter mit der Zeit. Irgendwann begann es zu existieren, seitdem kommen immer neue Zeitpunkte hinzu. Im Growing Block verschwindet die Gegenwart also nicht aus der Existenz, sie rückt nur in die Vergangenheit. Zur Zeit der Dinosaurier existierte alles bis zu den Dinosauriern, aber noch keine Menschen. Heute existieren Dinosaurier weiterhin in der Vergangenheit. Der Fluss der Zeit besteht darin, dass immer neue Dinge zu existieren beginnen. Die Gegenwart ist der Zeitpunkt an vorderster Front des wachsenden Blocks: der einzige Moment, der keine nachfolgenden Momente hat.
Eine dritte Variante der A-Theorie heißt Moving-Spotlight-Theorie („bewegtes Scheinwerferlicht“). Ihr zufolge existieren alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Dinge – fast wie in der B-Theorie, doch mit einem wesentlichen Unterschied: Der Moment der Gegenwart ist ausgezeichnet, weil er wie von einem Scheinwerfer hervorgehoben ist, der entlang der Zeit gleitet. Die Gegenwart ist nicht nur in der Wahrnehmung eines Beobachters hervorgehoben, sondern objektiv, als gäbe es diesen metaphorischen Scheinwerfer wirklich.
Der Bezugspunkt des „Jetzt“
Die Zeit vergeht, und es gibt diesen ganz speziellen Moment der Gegenwart: Die Kerngedanken der A-Theorie sind den meisten Menschen von Geburt an so selbstverständlich, dass sie gar nicht über sie nachdenken. Wir erleben die Zeit nicht als erstarrt, und wir teilen einen gemeinsamen Moment der Gegenwart. Wir nehmen uns Dinge vor, setzen sie in die Tat um, sehen sie von der Zukunft in die Gegenwart und weiter in die Vergangenheit wandern. Wie sonst sollten wir planen, uns miteinander verabreden, uns auf künftige Dinge freuen oder vor ihnen fürchten? Hätten wir nicht dieses „Jetzt“, könnten wir nicht pünktlich zu einem Termin erscheinen. Es reicht nicht, den Termin auf Donnerstag um zehn Uhr zu setzen. Um den Termin einzuhalten, muss man auch wissen, welcher Tag und welche Uhrzeit jetzt ist.
Doch da ist ein Haken: Die Wissenschaft kennt kein Jetzt. Mehr noch, die Relativitätstheorie verträgt sich nicht mit einem objektiven, vom Beobachter unabhängigen Moment der Gegenwart. Das ist der Grund, weshalb Albert Einstein sich damals in Paris so fest überzeugt zeigte, dass Henri Bergson mit seiner Vorstellung von der Zeit falschlag. Zu den wichtigsten Folgerungen aus der speziellen Relativitätstheorie gehört, dass Gleichzeitigkeit relativ ist, sie hängt vom Beobachter ab.
Einstein selbst illustrierte das mit einem Gedankenexperiment: Er stellte sich jemanden in einem schnellen Eisenbahnzug vor, der durch einen Bahnhof fährt. Ein anderer Mensch steht auf dem Bahnsteig. Zwei Blitze schlagen in die Gleise ein, einer vor dem Zug, der andere in gleicher Entfernung hinter dem Zug. Der Mensch auf dem Bahnsteig sieht beide Blitze gleichzeitig. Für den Menschen im Zug schlägt der Blitz, dem er entgegenfährt, zuerst ein – eine Folge der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Für ihn sind die Blitze also nicht gleichzeitig. Wer der beiden hat recht?
Schon vor Einstein war klar, dass es keine absolute Ruhe gibt: kein bevorzugtes Bezugssystem. Es gibt nach seiner Relativitätstheorie auch keine absolute Gleichzeitigkeit unabhängig vom Beobachter. Demnach gibt es auch keine absolute Gegenwart. Verschiedene Beobachter können uneinig darüber sein, welche Ereignisse „jetzt“ geschehen. Eine raffiniertere Version dieses Gedankenexperiments formulierte im Jahr 1989 der britische Physiker und Nobelpreisträger Roger Penrose: das Andromeda-Paradox. Penrose entwarf mithilfe der speziellen Relativitätstheorie ein Szenario, in dem zwei Menschen sich auf der Straße begegnen – und die Dinge, die aus ihrer jeweiligen Sicht in der zwei Millionen Lichtjahre entfernten Andromeda-Galaxie gleichzeitig mit ihrer Begegnung geschehen, mehrere Tage auseinanderliegen.
A-Theorie oder B-Theorie?
Für die A-Theorie sind diese Folgerungen aus Relativitätstheorie ein Problem. Wenn, wie die A-Theorie behauptet, der Augenblick der Gegenwart objektiv existiert, nicht nur in den Augen eines Betrachters, aber nicht eindeutig festgelegt ist, was gerade gegenwärtig ist, dann verschwimmen die Grenzen der Existenz. Es gibt keine Möglichkeit, objektiv festzustellen, was gegenwärtig ist, was existiert. Die Wirklichkeit selbst hängt vom Bezugssystem ab.
Daher spricht, rein wissenschaftlich betrachtet, manches für die B-Theorie: für die Zeit als bloße Dimension in einer Raumzeit, einer geometrischen Struktur, in der nichts fließt, in der es keine Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft gibt. Aber auch die B-Theorie hat ein Problem. Die Phänomenologie der Zeit, mit der wir Menschen täglich leben, lässt sich nicht einfach wegwischen. Wer die B-Theorie vertritt, muss sich die Fragen gefallen lassen, warum wir die Zeit subjektiv als fließend erleben, warum wir diese Vorstellung einer Gegenwart haben. Wie kommen diese Illusionen zustande? Vertreter der B-Theorie stecken viel Denkarbeit in Versuche, diese Phänomene zu erklären. Es reicht nicht, sie zu Täuschungen zu erklären. Bei anderen Täuschungen, zum Beispiel einem ins Wasser gesteckten Stock, der geknickt erscheint, können wir dahinter schauen und die Ursache verstehen – den unterschiedlichen Brechungsindex von Licht und Wasser. Was könnte unsere Zeitwahrnehmung täuschen?
Wie wir über Zeit sprechen
Eine mögliche Erklärung ist, dass unsere Sprache uns in die Irre führt. Sicher ist, dass sie unser Denken über die Zeit prägt. Zwischen den Kulturen und Sprachen gibt es Unterschiede darin, wie Menschen ihre Zeiterfahrungen beschreiben. Kulturen, die von links nach rechts schreiben, sehen die Zukunft eher rechts, die Vergangenheit links. Ihr Zeitpfeil zeigt von links nach rechts. Dagegen wird Mandarin, die in China am häufigsten gesprochene Sprache, von oben nach unten geschrieben. Ihre Sprecher neigen dazu, die Zukunft nicht rechts zu sehen, sondern unten, und die Vergangenheit oben. Ihr Zeitpfeil zeigt abwärts. Die Handgesten von Mandarin-Sprechern zeigen dies auch: Sie deuten nach oben für die Vergangenheit, nach unten für die Zukunft.
Ein anderes Beispiel sind die Zeitmetaphern, die tief in unserer Sprache sitzen: im Deutschen „vor“, „nach“, „lang“, „kurz“, „weit“ in der Zukunft, „ferne“ Vergangenheit. Wir sprechen in räumlichen Begriffen über die Zeit. Im Spanischen redet man dagegen über Zeit eher in Mengen: „mehr“ Zeit statt „langer“ Zeit, „wenig“ statt „kurz“.
Die Zeit steckt auch in der Grammatik. Im Deutschen und vielen anderen Sprachen sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auch Verbformen. Aber nicht in allen Sprachen. In der Sprache der Pirahã aus dem Amazonasgebiet gibt es keine Zeitformen. Auch die Sprache der Hopi, im Gebiet von Arizona heimisch, hat keine Formen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das bedeutet nicht, dass Pirahã oder Hopi zeitlos leben. Sie drücken zeitliche Zusammenhänge anders aus, durch den Kontext oder durch Adverbien wie „jetzt“ oder „später“. Manche Forscher, unter ihnen der Linguist Daniel Everett, argumentieren allerdings, dass die Sprache der Pirahã ihre Zeitkultur spiegelt: dass sie mehr im Jetzt und in konkreten Erfahrungen leben und weniger Wert auf abstrakte zeitliche Zusammenhänge legen.
Wie tief verwurzelt sind solche kulturellen Unterschiede in der Zeitwahrnehmung? Diese Frage ist nicht geklärt. Die meisten Philosophen und Wissenschaftler vermuten eher, dass sie nicht sehr tief gehen, dass unter ihnen eine einheitliche Phänomenologie der Zeit, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegt, die alle Menschen teilen – ob Europäer, Chinesen, Hopi oder Pirahã. Für sie alle fließt die Zeit. Die Vergangenheit liegt fest. Die Zukunft ist offen. Wir erwarten sie. Wir erwarten nicht die Vergangenheit. Wie Menschen dieses Erleben im Einzelnen beschreiben, hängt dann vom kulturellen Kontext ab.
Was geschieht wirklich, wenn wir vom Verstreichen der Zeit reden? Wenn man versucht, es sich vorzustellen, dann denkt man vielleicht an Uhrzeiger, die sich um ein Zifferblatt bewegen. Sand fließt durch eine Sanduhr. Es geht immer um Veränderung. Selbst in den vier Minuten und 33 Sekunden des Stücks von John Cage steht die Welt nicht still. Die Gedanken fließen, man blinzelt, schaut sich um. Nicht die Zeit selbst fließt, sondern die Dinge in der Welt verändern sich und erzeugen den Eindruck eins steten Flusses. Daher sind manche Vertreter der B-Theorie überzeugt, dass wir in Wahrheit über diese Prozesse reden, wenn wir über die Zeit reden. Zeit ist kein mystischer Fluss. Zeit ist Veränderung. Das könnte der Schlüssel zur Versöhnung unseres intuitiven Zeiterlebens mit dem wissenschaftlichen Zeitverständnis sein. //
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