Verschiedene Regionen in unserem Gehirn sind daran beteiligt, dass wir uns Gesichter einprägen können und vertraute Personen wiedererkennen – eine grundlegende Fähigkeit für unser Sozialleben. Doch ist uns diese Fähigkeit angeboren, oder hängt sie von frühkindlichen visuellen Erfahrungen mit Gesichtern ab? Auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage können Menschen helfen, die noch nie in ihrem Leben ein Gesicht gesehen haben, da sie blind geboren wurden.
Bildpunkte in Töne umgewandelt
Ein Team um Paula Plaza von der Georgetown University in Washington DC hat nun untersucht, inwieweit Hirnbereiche für die Gesichtserkennung auch bei Blinden aktiviert werden, wenn diese auf anderen Sinneskanälen Informationen über Gesichter wahrnehmen. „Es ist schon seit einiger Zeit bekannt, dass blinde Menschen den Verlust ihres Sehvermögens bis zu einem gewissen Grad durch den Einsatz ihrer anderen Sinne kompensieren können“, sagt Plazas Kollege Josef Rauschecker. „In unserer Studie haben wir untersucht, inwieweit diese Plastizität zwischen Sehen und Hören besteht.“
Dazu nutzte das Team ein sogenanntes sensorisches Substitutionsgerät. Dieses nimmt die Umgebung mit einer Kamera auf und wandelt die visuellen Informationen in Töne um. Nahezu in Echtzeit werden diese Töne per Kopfhörer abgespielt, wobei die Tonhöhe und der Stereoklang angeben, wo sich der entsprechende Bildpunkt befindet. Ein Punkt oben links im Blickfeld wird so zu einem hohen Ton, der am linken Ohr abgespielt wird, ein Punkt unten rechts zu einem tiefen Ton am rechten Ohr. Eine senkrechte Linie in der Mitte des Blickfeldes wird als Kombination hoher und tiefer Töne auf beiden Ohren ausgegeben. Nach und nach lässt sich so das Gesamtbild erfassen.
Mit den Ohren „sehen“
Sechs Menschen, die entweder von Geburt an blind waren oder ihr Sehvermögen innerhalb ihrer ersten zwei Lebensjahre vollständig verloren haben, trainierten für die Studie, mit Hilfe dieses Geräts einfache Formen und Piktogramme zu erkennen. Als Kontrollgruppe absolvierten zehn sehende Personen, die während des Trainings und der Experimente die Augen verbunden bekamen, das gleiche Training. Nach zehn jeweils einstündigen Trainingssitzungen waren sowohl die blinden als auch die sehenden Testpersonen in der Lage, mit einer Treffergenauigkeit von 85 Prozent verschiedene Piktogramme allein anhand der abgespielten Töne zu erkennen. Dazu zählten fröhliche, traurige und neutrale Gesichter, Häuser verschiedener Breiten und Höhen, sowie unterschiedliche geometrische Formen.
Für das eigentliche Experiment spielten die Forschenden ihren Probanden erneut die akustischen Muster für die entsprechenden Piktogramme vor und erfassten dabei ihre Hirnaktivität mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT). Um sicherzustellen, dass sich die Testpersonen nicht einfach Tonfolgen einprägten, sondern tatsächlich die jeweiligen Muster entschlüsselten, spielten sie die Töne in unterschiedlicher Reihenfolge ab – also beispielsweise in einem Durchlauf zuerst die Signale für die Bildpunkte oben links, in einem anderen Durchlauf zunächst die Signale für die Bildpunkte oben rechts.





