Von der Maus bis zum Elefanten: Säugetiere gibt es in den unterschiedlichsten Größen. Je massiver ihr Körper ist, desto größer sind dabei tendenziell auch ihre Gliedmaßen und Organe. Doch eine Ausnahme scheint hierbei das Gehirn darzustellen. Beispielsweise hat ein Mensch in Relation zu seinem Gewicht ein achtmal größeres Gehirn als ein Pferd. Doch ist der Mensch damit eine seltene Ausnahme vom allgemeinen Trend oder gibt es die Tendenz hin zu größeren Gehirnen mit steigender Körpergröße vielleicht gar nicht? Seit Jahrhunderten rätseln Forschende, wie sich die Körperteile einzelner Tiere im Zuge der Evolution entwickelt haben und ob dahinter eine Regelmäßigkeit steckt.
Evolutionäre Entwicklung: Kurve statt Linie
Ein Forschungsteam um Chris Venditti von der University of Reading ist dieser Frage nun nachgegangen. Dafür sammelten und verglichen die Biologen Daten über die Größe der Körper und Gehirne von 1504 Säugetierarten. Dabei zeigte sich, dass zwar über alle Arten hinweg eine gewisse Regel erkennbar ist, wonach sich Körper und Gehirn parallel zueinander vergrößert haben. Doch diese Entwicklung verlief nicht proportional. „Seit mehr als einem Jahrhundert gehen Wissenschaftler davon aus, dass diese Beziehung linear ist – was bedeutet, dass die Gehirngröße umso größer wird, je größer ein Tier ist. Wir wissen jetzt, dass das nicht wahr ist“, sagt Vendetti. „Die Beziehung zwischen Gehirn- und Körpergröße ist vielmehr eine Kurve – was im Wesentlichen bedeutet, dass sehr große Tiere kleinere Gehirne haben als erwartet“, erklärt der Biologe. Demnach ist das Gehirn der größten Tierarten im Zuge der Evolution nicht im selben Maße mitgewachsen wie ihr Körper.
Zudem gibt es mehr Ausnahmen von dieser Regel als zuvor gedacht, wie das Team feststellte. Überproportional große Gehirne sind demnach vor allem bei Tieren zu finden, die als intelligent und sozial gelten und ein komplexes Verhalten an den Tag legen, wie Venditti und seine Kollegen berichten. Dazu zählt auch der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens), der ein außergewöhnlich großes Gehirn entwickelt hat. Die Evolution unseres Gehirns lief demnach sogar 23-mal schneller ab als bei den meisten Säugetieren. Doch damit ist der Mensch nicht allein. Ebenfalls überproportional große Gehirne haben den Daten zufolge auch andere Primaten, gefolgt von Nagetieren und fleischfressenden Säugetieren. Die Biologen schließen aus dieser Tendenz zur Abweichung von der allgemeinen Kurve, dass die sogenannte Marsh-Lartet-Regel – wonach das Gehirn im Zuge der Evolution immer größer wird – nicht für alle Säugetiere, sondern nur für diese drei Säugetiergruppen gilt.
Umgekehrt haben einige Säugetierarten im Zuge der Evolution auch deutlich kleinere Gehirne entwickelt. Zum Beispiel besitzen Fledermäuse besonders kleine Gehirne im Verhältnis zu ihrem Körper. Venditti und seine Kollegen vermuten, dass dies zugunsten der Flugfähigkeit der Tiere entstanden ist.





