Nach langer Kooperation erschütterte der Zwist zwischen Kaiser Friedrich I. und Herzog Heinrich das ganze Reich. Der Sturz Heinrichs des Löwen 1180 wurde zum Triumph kaiserlichen Durchregierens. Damals, so hieß es lange, hätten die Prinzipien des Lehnsrechts gegen den Übermut eines Vasallen gesiegt. Der Konflikt war 1125 nach einer umstrittenen Königswahl ausgebrochen. Dann vererbte er sich offenbar von Generation zu Generation, wurde zum Schicksal jedes Staufers und jedes Welfen. Erst Kaiser Friedrich II. (gest. 1250) und Herzog Otto das Kind (gest. 1252) legten den Konflikt ihrer Väter 1235 bei.
„Hie Welf – hie Waibling!“ (Waibling = Staufer) wurde zum polarisierenden Schlachtruf einer Epoche. Noch die Nachgeborenen arbeiteten sich daran ab. In den italienischen Städten des Spätmittelalters standen sich Guelfen und Ghibellinen feind-selig gegenüber. Dass die einen im 12. und 13. Jahrhundert angeblich papst-, die anderen kaisertreu gewesen waren, war bald vergessen. Der alte Zwist großer Fürsten aus dem Norden wurde auf den kommunalen Bühnen des Südens weiter gespielt.
Die Schatten der Geschichte erfassten auch das neuzeitliche Deutschland. Im wilhelminischen Kaiserreich wurden die Hohenstaufen zu Ahn‧herren der Hohenzollern. Zwei schwäbische Schicksalsburgen begegneten sich in deutscher Sendung. Die Reichsgründung von 1871 kam ohne die Welfen zustande, denen führende Historiker Verrat an Kaiser und Reich bescheinigten. In seinen Erinnerungen prangerte Otto von Bismarck die welfische Fahnenflucht an: „Für die welfischen Bestrebungen ist für alle Zeit ihr erster Merkstein in der Geschichte, der Abfall Heinrichs des Löwen vor der Schlacht von Legnano, entscheidend, die Desertion von Kaiser und Reich im Augenblick des schwersten und gefährlichsten Kampfes, aus persönlichem und dynastischem Interesse.“ Abschätzig cha‧rakterisierte Adolf Hitler in seinen Tischgesprächen Heinrich den Löwen als „Kleinsiedler“, der nicht das „Format der deutschen Kaiser“ gehabt hätte. Für das „Unternehmen Barba-rossa“, den Überfall auf die Sowjetunion 1941, musste der Staufer seinen Namen hergeben.
Heute ist es um solche Indienstnahmen still geworden. Doch um die Beurteilung der Konflikte zwischen Staufern und Welfen bemühen sich die Historiker noch immer. Sie stellen neue Fragen: Darf man Geschichte auf den Konflikt zweier Dynastien reduzieren? Gab es Normen, nach denen man zwischen Treue oder Verrat, zwischen Gehorsam oder Desertion unterschied? Wussten die Staufer und Welfen überhaupt, dass sie Staufer und Welfen waren und sich wie Staufer und Welfen verhalten mussten?
In den letzten Jahren rückte die historische Forschung diese Themen in neues Licht. Jetzt lösen sich mit den klaren Dynastien die eindeutigen Gegensätze auf. Jetzt wird deutlich, dass Friedrich Barbarossa Heinrich den Löwen nicht mit einer präzisen Reichslehnsordnung unter dem Arm aburteilen ließ, sondern dass aus ihrem Konflikt erst neue Ordnung im Reich entstand. Jetzt werden sogar die Handlungsspielräume der großen Herrscher beschnitten. Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe erscheinen eher als Getriebene der Fürsten denn als souveräne Akteure. Jetzt sind es die Fürsten, die als Sieger aus den Konflikten hervorgingen. Diese modernen Forschungsdebatten sollen hier skizziert werden.




