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Wie aus Gebrabbel Sprache wird
Neulich auf der Straße: Eine Mutter schiebt ihr Baby im Buggy, ein Hund läuft vorbei. Daraufhin beugt die Mutter sich zu ihrem Kind, zeigt auf den Hund und beginnt ein Gespräch: „Guck mal!“, ruft sie vergnügt, und ihre Stimme klettert dabei eine halbe Oktave höher. „Ein Wauwau! Was macht der Wauwau? Der geht daaaaa.…
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von ANDREA MERTES
Neulich auf der Straße: Eine Mutter schiebt ihr Baby im Buggy, ein Hund läuft vorbei. Daraufhin beugt die Mutter sich zu ihrem Kind, zeigt auf den Hund und beginnt ein Gespräch: „Guck mal!“, ruft sie vergnügt, und ihre Stimme klettert dabei eine halbe Oktave höher. „Ein Wauwau! Was macht der Wauwau? Der geht daaaaa. Oh! Jetzt ist er weg, der Wauwau.“ Dann lächelt sie und geht weiter.
Für Erwachsene mag diese kleine Konversation albern klingen. Doch für die Sprachentwicklung ihres Kindes hat die Frau etwas sehr Gutes getan. „Kleinen Kindern gefällt dieser Sprachstil. Er erregt ihre Aufmerksamkeit“, sagt Bettina Braun. Die Linguistin leitet das Babysprachlabor der Universität Konstanz und forscht dort zu der sogenannten kindgerichteten Sprache. „Infant Directed Speech“ ist der Fachausdruck dafür.
Um herauszufinden, welche Laute ein kleiner Mensch faszinierend findet, haben die Forscher des Babysprachlabors eine Art Tonstudio eingerichtet. An den Untersuchungen zu einer 2020 veröffentlichten Studie nahmen Säuglinge im Alter zwischen sechs und neun Monaten teil. Während des Experiments saß das Kind auf dem Schoß eines Elternteils und hörte unterschiedliche Sprachaufnahmen. Die Aufnahmen wurden zufällig von rechts oder von links eingespielt, zusammen mit einem rot blinkenden Licht. Da Babys und Kleinkinder noch nicht sagen können, was sie wahrnehmen und denken, beobachteten die Forschenden ihre Reaktionen genau. Im Experiment zur Infant Directed Speech achteten sie auf Folgendes: Solange das Kind Interesse hatte an dem, was es hörte, wendete es seinen Kopf in die Richtung der Geräuschquelle. Verlor es das Interesse, blickte es nach vorne. Braun und ihre Kollegen stoppten, wie lange das Baby auf das blinkende Licht schaute. Daraus leiteten sie ab, wie aufmerksam es den verschiedenen Sprechweisen lauschte.
Babysprache ist international
Die Testreihe in Konstanz war Teil einer groß angelegten Replikationsstudie, in der 67 Babysprachlabore weltweit die Wiederholbarkeit und damit Gültigkeit der Ergebnisse nachgewiesen haben. Die Wissenschaftler testeten mehr als 2300 Babys. Um die Ergebnisse vergleichbar zu machen, spielten sie den Kleinen stets dieselben Sprachszenen vor – egal, ob die Kinder in Nordamerika, Europa, Asien oder Australien zu Hause waren. Zu hören bekamen sie jeweils einen Mix aus amerikanisch-englischen Gesprächsfetzen, die sich mal an Kinder, mal an Erwachsene richteten. „Die Methode, die wir in unserem Labor für diese kollaborative Studie verwendet haben, nennt sich Head Turn Preference Procedure“, so in einer Veröffentlichung zur Studie. „Diese Methode beruht auf der Tatsache, dass Kinder generell spannenden oder interessanten Dingen mehr Aufmerksamkeit widmen.“ Durch das Drehen des Kopfes zeigte sich eindeutig die Präferenz der Kinder für Infant Directed Speech, also für die kindgerichtete Sprache.
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Die Studie aus 16 Ländern hat bestätigt, was Generationen von Entwicklungspsychologen schon lange vermuten: Kleine Kinder folgen dem Gesagten aufmerksamer, wenn sie es in Babysprache hören. Im internationalen Durchschnitt bevorzugten knapp 60 Prozent der Kinder die an sie gerichtete Sprechweise. Diese zeichnet sich nicht nur durch ihr vereinfachtes Vokabular und kurze Sätze aus. Erwachsene sprechen mit Babys auch langsamer und in einer höheren Stimmlage, außerdem dehnen sie die Vokale lang und betonen überdeutlich.
Dass Eltern rund um den Globus ihre Sprache dem kindlichen Hören anpassen, fiel dem US-amerikanischen Sprachwissenschaftler Charles Ferguson als einem der Ersten auf. 1964 verglich er in einem Aufsatz den „Baby Talk“ in sechs verschiedenen Sprachen, darunter die bekannten Sprachen Englisch, Spanisch und Arabisch. Mittlerweile weiß man, dass kindgerichtetes Sprechen in vielen weiteren Sprachgemeinschaften vorkommt, etwa in Mandarin, Ungarisch, Schwedisch, Thai und Lettisch. Doch es gibt auch Kulturen, in denen Babysprache so gut wie gar nicht existiert. Auf der Insel Java, in Teilen von Guatemala oder West-Samoa sprechen Eltern beispielsweise kaum mit ihren Babys. In diesen Kulturen lernen Säuglinge und Kleinkinder das Sprechen vor allem durch die Beobachtung der Erwachsenen. Babysprache mag also nicht universell sein. In unserer westlichen Welt ist sie jedoch Standard.
Aber weshalb sprechen wir eigentlich intuitiv auf diese Art und Weise mit kleinen Kindern? Eine Hypothese aus der Psychologie lautet: Wir wollen die Aufmerksamkeit des Kindes auf uns ziehen und merken, dass es mit Baby Talk am besten gelingt. Dem Kind hilft das, ein Gefühl für Sprache zu bekommen. Denn es muss erst mühsam lernen, aus dem Strom von Lauten in seiner Umgebung herauszufiltern, welche davon zur Sprache gehören und wie daraus Wörter abzugrenzen sind. Einfache Sätze mit vielen Wiederholungen, überdeutlicher Artikulation – die Linguistik spricht hier von Hyperartikulation – und variierter Stimmlage ermöglichen es ihm, die ersten Schritte beim Spracherwerb zu tun.
Gute Zuhörer
Eltern kennen den besonderen Moment, wenn ein Kind zu laufen beginnt. Wenn es sich zum ersten Mal vom Boden hochstemmt und staunend über die eigenen Fähigkeiten vor sich hin tippelt, ehe es über die eigenen Füße stolpert – und gleich wieder aufsteht. Ganz ähnlich, unterteilt in viele kleine Lernsequenzen und Versuche, eignen sich Babys Sprache an. Und schon lange, bevor sie das erste Wort sprechen, hören sie sehr genau hin.
Was sich dabei in ihrem Kopf abspielt, hat die Entwicklungspsychologin Claudia Friedrich von der Universität Tübingen gemeinsam mit Anne Bauch und Ulrike Schild sichtbar gemacht. Für eine Studie, deren Ergebnisse in der Fachzeitschrift Developmental Science erschienen sind, setzten die Forscherinnen Babys von deutschsprachigen Eltern EEG-Kappen auf, mithilfe derer sie die Hirnströme maßen. Anschließend spielten sie den drei, sechs und neun Monate alten Kindern Silben und Wörter vor, wie sie im Alltag eines Säuglings häufig vorkommen. „Mama“ und „Papa“ gehören genauso dazu wie „Schnuller“. Zunächst bekamen die Kleinen nur eine Silbe vorgespielt, später Wörter mit zwei gleichen oder zwei unterschiedlichen Silben, und das in unterschiedlicher Betonung.
Das Ergebnis, das sich anhand der Hirnstromkurve abzeichnete: Bereits mit drei Monaten analysieren die Sprachneulinge die gehörten Lautfolgen und achten auf einzelne Silben sowie deren Betonung. „So finden sie heraus, dass in vielen deutschen Wörtern eine betonte Silbe einer unbetonten Silbe vorausgeht“, erklärt Claudia Friedrich. „Die Ergebnisse zeigen, dass Säuglinge sehr effiziente Zuhörer sind. Das Wissen über diese frühen Meilensteine des Spracherwerbs hilft uns, Auffälligkeiten bereits im Säuglingsalter zu erkennen und reguläre Entwicklungspfade gezielt zu fördern.“
Tatsächlich beginnt das aufmerksame Zuhören schon vor der Geburt. Ungeborene erkennen die Stimme der Mutter und können sie von anderen unterscheiden. So zeigen Studien etwa anhand einer veränderten Herzfrequenz oder Nuckelrate, dass Neugeborene besonders auf ihre Muttersprache und auf die Stimme ihrer Mutter reagieren. Was von der Außenwelt zu dem Ungeborenen in den Uterus gelangt, sind allerdings weniger die Lautfolgen als die Betonungen. Nach der Geburt bleibt diese vorgeburtlich erworbene Sensibilität für Rhythmus und Melodie bestehen.
Wie Forschende um Angela Friederici vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig zusammen mit Kollegen aus Frankreich festgestellt haben, wenden Säuglinge ihr Grundwissen gleich nach der Geburt beim ersten Schreien an. Kleine Franzosen geben dabei, wie akribische Messungen zeigten, eine Art Melodie mit ansteigender Tonhöhe von sich. Anders die deutschen Säuglinge: Sie senken zum Ende den Ton ab.
Die ersten Schritte
Wie die Studie aus Tübingen zeigt, machen Babys sich nach dem ersten Schrei sofort weiter an die Arbeit, und das Schritt für Schritt. Dabei treffen sie unbemerkt von ihren Eltern eine Vielzahl an Entscheidungen, die für ihr Sprachverständnis entscheidend sind. So sind Babys in den ersten Lebensmonaten in der Lage, fast alle der rund 800 auf der Welt existierenden Sprachlaute zu unterscheiden. Damit sind sie uns Erwachsenen weit voraus, denn wir haben diese Sensibilität verloren – was es uns erschwert, eine Fremdsprache zu lernen.
Die Fähigkeit zur feinen Unterscheidung ist nur temporär. Schnell beginnen Babys zu filtern in „Kann ich brauchen“ und „Bringt mir nichts“. Während etwa japanische Babys noch den Unterschied zwischen den Lauten „l“ und „r“ hören, haben japanische Kleinkinder im Alter von etwa einem Jahr bereits verstanden, dass dieser Lautunterschied für ihre Muttersprache nicht von Bedeutung ist. Sie nehmen den Kontrast daher nicht mehr wahr – genau wie erwachsene Japaner.
Mit jedem weiteren Lebensmonat verfeinern Babys und Kleinkinder ihre Kenntnisse über die charakteristischen Betonungen ihrer Muttersprache, um sich danach den Wortbedeutungen anzunähern. Der Aufbau des Wortschatzes beginnt laut aktuellen Studien weit früher als bisher angenommen: Mit vier bis sechs Monaten kennen Säuglinge schon die Bedeutung häufiger Wörter, die in ihrer täglichen Umgebung vorkommen. Bevor Kinder also anfangen, sich selbst durch Sprache bemerkbar zu machen, verstehen sie die Erwachsenen in ihrem Umfeld schon sehr gut.
Nach und nach nimmt das Baby den Input nicht mehr als endlosen Strom wahr, sondern kann einzelne Einheiten unterscheiden. Ab etwa einem halben Jahr beginnen die Kleinen, die Bedeutungen einzelner Wörter zu verstehen und selbst eigene Silben zu formen. Dieses Gebrabbel ist anfangs oft noch bedeutungslos, so wie das „Dadadada“. Auf die ersten noch unverständlichen Lautsequenzen folgen zunächst einzelne echte Wörter, die nach und nach mit weiteren Wörtern kombiniert und schon bald zu ersten kurzen Sätzen werden.
Ab zehn Monaten wandelt sich das Gebrabbel in Lautsequenzen, die zunehmend der Muttersprache ähneln. Mit etwa einem Jahr beginnen Kinder, erste richtige Wörter zu artikulieren. Oft sind sie vereinfacht und enthalten noch nicht alle Silben oder Laute, so wie „Nane“ für „Banane“. Ab anderthalb Jahren beginnen Kinder, aus diesen ersten Wörtern Zwei-Wort-Sätze zu bilden, etwa „Nane essen“.
Interessant ist dabei, dass sie bereits den Wortstellungen ihrer Muttersprache folgen. Im Deutschen steht – wie im Bananen-Beispiel – das Verb am Ende des Satzes, wenn es nicht konjugiert wird. Englische Kinder produzieren dagegen Äußerungen wie „Eat nana“, „Play car“ oder ähnliches.
Dieses Verständnis grammatischer Regeln baut sich ab zwei Jahren weiter aus. Außerdem verwenden Kinder nun immer mehr Funktionswörter wie Artikel oder Präpositionen. Ihr aktiver Wortschatz beträgt jetzt zwischen 400 und 900 Wörter. Ab drei Jahren werden die Sätze komplexer, der Wortschatz wächst auf bis zu 1500 Wörter. Ab vier Jahren beherrschen Kinder die wesentlichen grammatischen Strukturen einer Sprache, die sich nun immer weiter verfeinern. Die Pubertät gilt in der Sprachforschung weitgehend als das Ende des automatischen Spracherwerbsprozesses. Der Sprachschatz umfasst jetzt rund 60.000 Wörter.
Von Angesicht zu Angesicht
Die Anlage für den Erwerb von Sprache liegt offenbar in den menschlichen Genen. Doch das alleine reicht nicht. Welche Folgen es für ein Neugeborenes hat, wenn kein Erwachsener es pflegt, tröstet und mit ihm redet, zeigte 2014 eine verstörende Publikation von Charles A. Nelson.
Der Professor für die Erforschung kindlicher Entwicklung an der Harvard University und am Childʼs Hospital in Boston hatte in Rumänien Waisenkinder in Heimen besucht, die unter den Folgen schwerster Isolation und Mangelversorgung litten. Gemeinsam mit Kollegen und staatlicher Unterstützung konnte er für eine kleine Gruppe dieser Waisen ein Betreuungssystem mit Pflegeeltern aufbauen. Dies war die Basis für Untersuchungsdaten, die Nelson in den darauffolgenden Jahren erhob: Hier die Kinder, die vor ihrem zweiten Lebensjahr einen Platz in einer Pflegefamilie fanden. Dort die anderen, die diese Chance nicht bekamen.
Die Heimkinder hatten ein schweres Schicksal: Sie litten unter körperlichen Schäden und psychischen Störungen. Intelligenztests ergaben bei ihnen Werte am Rande einer geistigen Behinderung. Besonders betroffen aber war die Sprachfähigkeit. „Wir hatten gedacht, dass der IQ am heftigsten beeinträchtigt wäre, doch wir mussten erkennen, dass die Sprache geradezu erschlagen war“, sagte Nelson in einem Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“.
Eine Extremsituation, keine Frage. Doch sie verdeutlicht: Um sprechen zu lernen, brauchen Kinder jemanden, der mit ihnen spricht – je früher und je mehr, desto besser. Medienangebote können diesen direkten sozialen Austausch nicht ersetzen.
Patricia Kuhl und ihre Kollegen an der University of Washington fanden zum Beispiel heraus, dass englischsprachige Babys auch noch im zweiten Lebensjahr für die chinesische Sprache empfänglich waren, wenn jemand regelmäßig mit ihnen Chinesisch sprach. Hörten sie allerdings nur chinesische Tonaufnahmen oder schauten chinesisches Fernsehen, blieb diese Sensibilität nicht bestehen.
Wollen Eltern ihren Nachwuchs beim Spracherwerb unterstützen, ist es sinnvoll, dass sie kindgerichtete Sprache benutzen und immer wieder auf die Objekte zeigen, von denen sie gerade sprechen, erklärt Bettina Braun vom Konstanzer Sprachlabor. Außerdem ist das wiederholte Nennen vom Namen des Kindes ein wichtiger Anker: Anhand dessen beginnen Kinder zu verstehen, dass es einzelne Wörter gibt. „Und das machen die meisten Eltern intuitiv richtig.“
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