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Wie aus dem Nichts
Kampfadler sind Afrikas übersehene Top-Prädatoren. Die Großgreife spielen anscheinend eine ähnliche Rolle wie Leoparden und Geparden. Ein internationales Forscherteam kann das Jagdverhalten der Vögel mithilfe moderner Technik bis ins Detail verfolgen.
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von KURT DE SWAAF
Wir sind diejenigen, die die Feldarbeit machen dürfen; das spaßige Zeug“, sagt Shiv Kapila grinsend. Dann zeigt der Direktor des Kenya Bird of Prey Trust auf seinem Smartphone das Bild einer riesigen Kralle. „Diese hier war 65 Millimeter lang, vom Ansatz bis zur Spitze. Länger als jeder Löwenzahn.“ Zwei seiner Kollegen hätten ein solches Teil schon mal im Unterarm gehabt. Normalerweise passiert allerdings keinem etwas – weder den Menschen noch den Greifen, betont Kapila. Er und sein Team haben schließlich jede Menge Erfahrung in der Handhabung gefiederter Prädatoren. Es ist praktisch ihr Alltag.
Die eindrucksvolle Kralle gehört zu einem Kampfadler. Die gewaltigen Greifvögel sind wahre Meister der Lüfte und der Jagd, doch vieles über ihren Speiseplan und ihre Rolle im Ökosystem ist bislang unbekannt. Das „Mara Raptor Project“, in dessen Rahmen alle Greifvogelarten der südwestkenianischen Region Masai Mara erforscht und besser geschützt werden sollen, hat sich nun auch der Ökologie des Kampfadlers angenommen, wie Kapila erläutert. Doch das erfordert den Einsatz neuer Technik und Fingerspitzengefühl. Wer die Vögel genau studieren will, müsse sie zunächst einfangen und mit Sendern ausstatten, erklärt Kapila. Da könne es dann doch manchmal etwas ruppig zugehen.
Die Wächter eines Ökosystems
Kenia gilt weltweit noch immer als Wildtierparadies, und dies zu Recht. Seine weitläufigen Nationalreservate beherbergen eine reichhaltige, faszinierende Fauna. Die meisten Besucher indes sind nur an Elefanten, Löwen und anderen Großsäugern interessiert. Vögel haben sie kaum auf ihren Listen. Doch die Artenvielfalt dieser Tiergruppe ist erstaunlich, gerade auch bei den Greifen. Allein von den Adlern sind in Kenia neun verschiedene Spezies als Brutvögel heimisch.
Stratton Hatfield kennt sie alle. Jede dieser Arten habe ihre eigene ökologische Nische, erklärt der US-amerikanische Biologe. Der majestätische Klippenadler (Aquila verreauxii) zum Beispiel nistet, wie der Name bereits vermuten lässt, meistens in Gebirgsregionen, während der Kronenadler (Stephanoaetus coronatus) Wälder bevorzugt. Hatfields liebstes Forschungsobjekt, über das er auch an der Universität Wageningen promoviert, ist jedoch der Kampfadler (Polemaetus bellicosus), der vor allem in offenen Landschaften wie Savannen zu Hause ist.
Seine Untersuchungen führt Hatfield in der Masai-Mara-Region, im Südwesten Kenias nahe der Grenze zu Tansania, durch. Ein Großteil dieses Gebiets steht unter Naturschutz; den Löwenanteil macht das berühmte Masai-Mara-Nationalreservat mit einer Fläche von gut 1.500 Quadratkilometern aus. Hier fühlen sich die Großgreife offenbar wohl. Die Tiere neigen sehr zur Heimattreue und wenn sie verschwänden, wäre das ein alarmierendes Signal. „Kampfadler sind praktisch die Wächter eines Ökosystems“, erklärt Hatfield.
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„Ich denke, sie sind eine der am wenigsten anpassungsfähigen Adlerarten“, betont der Forscher. Während vom Kronenadler etwa fünf oder sechs Brutpaare sogar in Parks der Hauptstadt Nairobi nisten, verträgt Polemaetus bellicosus keine menschliche Nähe und lässt sich sehr leicht von Störungen vertreiben.
Was ihren Speiseplan betrifft, sind die gefiederten Nimrods überaus flexibel. „Kampfadler machen Jagd auf eine große Auswahl an Tierarten“, sagt Hatfield. Sie hätten vielleicht das reichhaltigste Beutespektrum aller afrikanischen Greife. Erlegt werden sowohl Säuger als auch Reptilien und Vögel. Welche Rolle Polemaetus bellicosus im ökologischen Gefüge seines Lebensraums spielt, war bislang allerdings unbekannt. Kampfadler könnten als Top-Prädatoren in den obersten Etagen der Nahrungspyramide einen erheblichen Einfluss haben, doch ihre Populationsdichten bleiben stets auffallend gering. Stratton Hatfield und seine Kollegen beschlossen vor neun Jahren, der Sache auf den Grund zu gehen – ein Forschungsprojekt, das nur unter Einsatz modernster Technik gelingen konnte.
Sammeln von Bewegungsmustern
Die größte Herausforderung war das Datensammeln. Um genauere Einblicke zu bekommen, müssen die Wissenschaftler nicht nur die Artenvielfalt der erlegten Tiere erfassen, sondern auch deren Anzahl und Biomasse. Das sei beim Kampfadler ziemlich schwierig, wie Hatfield erläutert. Die Greife jagen bevorzugt im halb offenen Terrain, damit sie sich mit ihrer Beute zwischen Büschen und in Bäumen verstecken können. So schützen sie sich vor Kleptoparasiten, sprich Mundräubern wie Schakalen, Hyänen, Savannenadlern (Aquila rapax), Geiern und mitunter sogar Löwen, die den fliegenden Jägern gern ihr Futter stehlen. Wer also als Biologe den Adlern auf den Teller schauen möchte, muss sich etwas einfallen lassen.
GPS-Datenlogger mit Beschleunigungsmessern und Gyroskopen zur Messung von Drehbewegungen lösen das Problem. Die nur 27 Gramm wiegenden solarbetriebenen Geräte werden den Vögeln auf den Rücken geschnallt und zeichnen Position und Bewegungsmuster der Tiere auf. Diese Daten wiederum sendet die Apparatur in regelmäßigen Abständen an das Feldteam – Überwachung rund um die Uhr. Dank der Technik wissen die Forscher, ob ihre Studienobjekte gerade ruhen oder ob sie in der Luft sind, in welcher Höhe sie fliegen und wie schnell. Beschleunigt ein Adler plötzlich in Richtung Erdoberfläche mit anschließender Pause am Boden, deutet das häufig auf eine erfolgreiche Jagd hin.
„Diese Daten sind irre präzise“, berichtet Shiv Kapila. Man könne fast metergenau sehen, wo der Vogel sitzt. Wenn sie die Möglichkeit haben, fahren die Wissenschaftler oder zwei ihrer Helfer ins Gelände, um am Ort des Geschehens nach Beuteresten zu suchen. Anhand von Federn, Fellfetzen und Ähnlichem lässt sich die erlegte Tierart identifizieren. Das gelingt oft gut. Mitunter finden die Naturdetektive noch den teils intakten Kadaver vor. Denn Kampfadler fressen größere Beutetiere nicht auf einmal, sondern kehren Stunden später oder am nächsten Tag zurück, um sich einen Nachschlag zu holen.
Das Rekrutieren der unfreiwilligen Studienteilnehmer geschieht mit Spezialfallen vom Typ Bal-chatri. Solche ursprünglich von indischen Falknern entwickelten Fanggeräte bestehen aus einem doppelten Drahtkäfig mit vielen Nylonschlingen an der Außenseite. Im inneren Korb wird ein lebendiges Huhn als Köder eingesperrt, erklärt Shiv Kapila. Und dann stellt man das Ganze in der Wildnis auf. Entdeckt ein Kampfadler das Huhn, stürzt er sich auf die vermeintlich leichte Beute und bleibt mit seinen Klauen in den Schlingen hängen. Die Forscher haben daraufhin recht leichtes Spiel. Im Normalfall bleiben alle unversehrt: der Greif, die Biologen und das Huhn.
Gefangene Kampfadler seien sehr ängstlich und ruhig, erläutert Hatfield. „Ganz anders als Geier.“ Gefährlich werde es nur, wenn die Menschen beim Handhaben des Vogels Fehler machen und dieser in Panik gerät. Dann müsse man die Riesenkrallen fürchten.
Ein voller Speisezettel
Die Untersuchungsergebnisse aus der ersten Projektphase haben bereits erstaunliche Details ans Licht gebracht. Hatfield berichtet von einem Kampfadler, der in rund 1.500 Meter Höhe über die Savanne schwebte. Das Tier war mit einem der modernsten GPS-Logger ausgestattet, seine Position wurde jede einzelne Sekunde aufgezeichnet. Plötzlich flog der zunächst kreisende Greif schnurstracks zu einem sieben Kilometer weiter gelegenen Punkt und landete dort. Das bald danach eintreffende Feldteam fand genau an der Stelle den frisch aufgebrochenen Kadaver einer Thomson-Gazelle. Offenbar hatte der Adler den Vierbeiner über eine Distanz von sieben Kilometern hinweg entdeckt und umgehend erlegt. Was für ein phänomenales Sehvermögen.
Insgesamt konnten Hatfield und seine Kollegen im Verlauf der 2024 veröffentlichten Studie 81 geschlagene Beutetiere identifizieren. Die Liste reicht vom nur 250 Gramm wiegenden Coquifrankolin, einem Verwandten des Rebhuhns, über Hasen und Schwarzhalsreiher bis hin zu Impalas. Auch Löwenwelpen fallen gelegentlich den Greifen zum Opfer. Ein weiblicher Kampfadler hatte sogar einen Serval erlegt. Die Wildkatze dürfte knapp zehn Kilogramm schwer gewesen sein. Adlerweibchen sind durchweg größer als ihre männlichen Artgenossen und können deshalb größere Beutetiere überwältigen, erklärt Hatfield. Dieses Phänomen lässt sich bei vielen Greifen beobachten. Ökologisch gesehen ist ein solcher Unterschied durchaus von Vorteil, da er die intraspezifische Nahrungskonkurrenz verringert. Wenn die Speisezettel der Geschlechter zumindest teilweise voneinander abweichen, gibt es im Endergebnis für beide mehr zu futtern – optimierte Ressourcenverteilung eben.
Unterschätzte Jäger
Anhand der gesammelten Daten gelang es den Wissenschaftlern zum ersten Mal, die Stellung des Polemaetus bellicosus in der Struktur afrikanischer Savannen-Ökosysteme aufzuzeichnen. Seine Bedeutung ist demnach größer, als bisher angenommen wurde. Den Studienergebnissen zufolge töten männliche Kampfadler ungefähr jeden zweiten Tag ein Beutetier, während die Weibchen etwa alle drei Tage eins erlegen. Das durchschnittliche Gewicht dieser Fänge beträgt 1.796 beziehungsweise 3.860 Gramm. Weil die Adlerdamen häufig junge Huftiere wie Impalas und Thomson-Gazellen jagen, beeinflussen sie vermutlich deren Bestandsgrößen. Die Forscher haben berechnet, dass ein weiblicher Kampfadler jährlich circa 51 Gazellen erbeutet. Das ist eine Menge Fleisch. Die Greife stünden damit auf derselben Stufe wie Leoparden und Geparden, meint Shiv Kapila. „Es sind wirklich unterschätzte Vögel.“
Eine wohl ebenfalls wichtige Rolle dürfte Polemaetus bellicosus als Dienstleister für andere Karnivoren und Aasfresser spielen. Darauf verweist der Unterschied zwischen der Biomasse ihrer Beute und dem mutmaßlichen Nahrungsbedarf der Greife. Letzterer ließ sich zwar noch nicht speziell ermitteln, doch er dürfte wie beim ähnlich großen Steinadler (Aquila chrysaetos) bei unter 500 Gramm pro Tag liegen.
Geht man von dieser benötigten Futtermenge aus, müssten von den Beutetieren der Kampfadler stets zwischen 20 und 50 Prozent Gewicht übrig bleiben – ein gefundenes Fressen für Schakale, Füchse, Aaskäfer und viele mehr. Die oben schon genannten Kleptoparasiten profitieren demnach regelmäßig vom Jagdgeschick der Greife. Stehlen ist meist leichter als selbst erlegen. Oft verteidigen Kampfadler ihre Beute nicht einmal. „Sie sind sehr risikoscheu und vorsichtig“, erklärt Hatfield. Für die Belästigten sei es wohl häufig einfacher, sich eine neue Mahlzeit zu suchen. Energie sparen, heißt die Devise.
Nestbeobachtungen
Das Projekt werde weiter vorangetrieben, so Kapila. Man beobachte jetzt Hunderte Nester und statte mehr Vögel mit GPS-Datenloggern aus. „Für nächstes Jahr planen wir den Start eines landesweiten Projekts über die Ausbreitung junger Kampfadler.“ Der Greifnachwuchs hat nämlich die schwierige Aufgabe, ein eigenes Territorium zu finden – was im zunehmend dicht besiedelten Kenia wirklich eine Herausforderung ist. Die Reviere der heimattreuen Kampfadler haben eine durchschnittliche Größe von etwa 175 Quadratkilometern, berichtet Hatfield. Und in der Mara seien die guten Territorien fast durchgehend besetzt.
Die Fahrt in die Wildnis führt durch eine schier endlos wirkende Baumsteppe, vorbei an Stacheldrahtzäunen und einzelnen Gehöften. Am Wegesrand tauchen manchmal Hirten mit ihren Herden auf. In Nkoilale, einem staubigen Straßendorf, wartet Duncan Njapit neben seinem Geländewagen. Er ist der zuständige Projektkoordinator in der Naboisho Conservancy, einem kommunalen Schutzgebiet, welches direkt an das Masai-Mara-Nationalreservat grenzt. „Ich überwache zurzeit gut 200 Horste verschiedener Greifvogelarten“, erklärt Njapit. Davon seien aber nicht immer alle belegt. Heute steht die Überprüfung des einzigen Kampfadler-Nestes im Reservat an. Naboisho hat eine Fläche von 145 Quadratkilometern. Im viel größeren benachbarten Nationalreservat leben 10 bis 15 aktive Brutpaare des Polemaetus bellicosus.
Njapit lenkt den Landcruiser über eine Sandpiste in den Talek River. Die Furt ist befestigt, kein Problem also. Am anderen Flussufer liegt das Tor zum Schutzgebiet, dahinter führt der manchmal kaum als ein solcher erkennbare Weg in die Savanne. Das meiste Gras ist sattgrün und gespickt mit zahllosen weißen Blumen. Die Regenzeit habe vor ein paar Wochen angefangen, erzählt Njapit. „Die Tiere sind jetzt richtig glücklich, weil es reichlich Futter gibt.“ Links erscheint plötzlich ein halbes Dutzend Masai-Giraffen. Die imposanten Wiederkäuer knabbern gemächlich am Laub einiger Akazien; sie scheinen den Wagen kaum zu beachten. Weiter vorn stehen Thomson-Gazellen, Impalas und Kongoni-Kuhantilopen. Beim Anblick der üppig sprießenden Vegetation und der vielen Pflanzenfresser wird einem klar, wie produktiv diese Region als Ökosystem tatsächlich ist. Ein reich gedeckter Tisch auch für Karnivoren. Das besagte Kampfadler-Nest steckt gut sichtbar in der Krone einer allein stehenden Akazie. Diese wiederum steht genau im Grenzbereich zwischen offenem Gelände und dem niedrigen Wald am Fluss. Solche Plätze mögen die Greife, erklärt Duncan Njapit.
In der Nähe liegt ein abgeflachter Hügel mit höheren Bäumen; Letztere eignen sich gut als Spähwarten. Die Vögel haben dort alles im Blick. Im Moment sind an jenem Fleck allerdings andere Tiere unterwegs. Durchs Fernglas sind drei Elefanten zu sehen. Mit diesen Dickhäutern hätten Adler ein Problem, erzählt der Projektkoordinator. Die Kolosse drücken nämlich gern Bäume um, damit sie deren Laub fressen können. Bei solchen Aktionen sei schon so mancher Horst zerstört worden. Er und seine Kollegen planen deshalb, diese Nist-Akazie mit einem Zaun zu schützen. Sicher ist sicher.
Njapit überprüft das Nest mit einem Teleskopstab, an dem eine Kamera angebracht ist. Mit dieser Vorrichtung könne man sogar sehen, wie alt die Küken seien, sagt der Fachmann. Doch der Kampfadler-Horst hier ist leider noch leer. Polemaetus bellicosus legt normalerweise nur ein Ei und kennt keine feste Brutzeit. Regelmäßige Kontrollen seien deshalb unerlässlich. Manchmal komme man aber nicht an den Baum heran, zum Beispiel wenn Elefanten in der Nähe herumlungern, erzählt Njapit lächelnd. Auch ein Löwenrudel hatte es sich schon mal unter dem Nistbaum gemütlich gemacht. Da war der Morgen natürlich gelaufen.
Auf dem Rückweg passiert ein Trupp Helmperlhühner die Piste. Die hübsch gefärbten Tiere wirken sehr wachsam. „Gutes Futter für Kampfadler“, meint Duncan Njapit. Vor allem die Männchen würden häufig Jagd auf solche Vögel machen. Einmal, berichtet der Forscher, wurde er Zeuge eines unglaublichen Angriffs. Ein Adler attackierte eine zwölfköpfige Gruppe halbwüchsiger Perlhühner und schaffte es, zehn davon mit nur einem Fuß wegzutragen – die Klauen vollgepackt mit Beute. „Die Kleinen taten mir schon leid“, sagt Njapit. Doch die Adlerherren müssen Frau und Nachwuchs stets eine Zeit lang allein versorgen. Und an jenem Tag dürfte die Familie bestimmt gut satt geworden sein. ■
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