Von RALF STORK
Flucht vor Feinden, höhere Mobilität, leichterer Zugang zu Nahrung – die Vorteile des Fliegens liegen auf der Hand. Kein Wunder, dass zum Beispiel bei den Insekten 80 bis 90 Prozent der Arten das Fliegen für sich entdeckt haben. Insekten punkten gegenüber Wirbeltieren mit einem entscheidenden Vorteil: Ihre Generationsfolge ist extrem kurz. Bei einigen Arten dauert es nur wenige Tage oder Wochen, bis eine neue Generation entsteht. In jeder neuen Generation können sich Mutationen herausbilden, die – falls vorteilhaft – in den Folgegenerationen dann verstärkt und weiterentwickelt werden. Je kürzer die Generationsfolge ist, desto dynamischer sind die möglichen Veränderungen. Die Insekten waren auch deshalb die ersten Tiere, die die Fähigkeit zum Fliegen entwickelt haben. Fische, Amphibien, Vögel und Säugetiere haben deutlich längere Generationsfolgen. Das heißt, grundlegende Veränderungen dauern länger – und wer nicht zufällig zu der Gruppe oder Ordnung der Wirbeltiere gehört, die das Fliegen für sich entdeckt hat, hat auch im Laufe von noch so vielen Generationen keine Chance mehr, eine echte Flugfähigkeit zu entwickeln. Hat die Evolution einmal einen Weg eingeschlagen, der nicht Richtung Himmel weist, gibt es für die Arten keine Möglichkeit mehr, doch noch die Luft zu erobern. Eigentlich. Denn in allen Wirbeltier-Gattungen gibt es Artengruppen, die zwar nicht fliegen können, die aber aus ihren Körperbauplänen im Laufe vieler, vieler Generationen alles rausgeholt haben, um wenigstens durch die Luft gleiten zu können.
Beachtliche Schnellschwimmer
Fliegende Fische (Exocoetidae) zum Beispiel. Sie sind Knochenfische und gehören zur Ordnung der Hornhechtartigen. Insgesamt gibt es 50 bis 75 Arten, mit Größen von 15 bis 45 Zentimetern. Sie leben nahe der Wasseroberfläche, meist im offenen Meer, wo sie sich hauptsächlich von kleineren Fischen ernähren. Ein Verwandter der Fliegenden Fische – der Gewöhnliche Hornhecht – kommt auch in Nord- und Ostsee vor. Hornhechte schnellen bei Gefahr aus dem Wasser, um sich so vor Feinden in Sicherheit zu bringen. Das Verhalten ist in der Ordnung also verbreitet und bei Fischen, die sich ohnehin schon an der Wasseroberfläche aufhalten, auch nicht überraschend. Fliegende Fische haben dieses Verhalten noch auf die Spitze getrieben: Angetrieben von ihrer kräftigen Schwanzflosse, beschleunigen die Fische ihre Schwimmleistung auf bis zu 50 Stundenkilometer, durchstoßen die Wasseroberfläche und katapultieren sich in die Luft. Dort fächern sie ihre vergrößerten Brustflossen auf, mit denen sie dann flach über dem Wasser durch die Luft gleiten. Manche Arten haben auch vergrößerte Bauchflossen, also vier Tragflächen, die sie in der Luft halten. Die Fliegenden Fische verfügen noch über eine weitere wichtige Anpassung an ihre luftige Lebensweise: Die Schwanzflosse ist tief gespalten, der untere Teil länger als der obere. Wenn die Fische nach einer Gleitphase wieder flach auf dem Wasser aufsetzen, taucht der untere Teil der Schwanzflosse bereits tief ins Wasser ein. Durch kräftige Schläge mit dem Schwanz nehmen die Fische wieder Fahrt auf und katapultieren sich so erneut in die Luft. Die Fische können bis zu 200 Meter weit gleiten. Mit Unterbrechungen können sie auf der Wasseroberfläche bis zu 400 Meter weit „fliegen“.





