Ein Beispiel: Im November veröffentlichte das Grazer Weltraumforschungsinstitut eine Pressemitteilung mit dem Titel „Neuer Meilenstein für das Weltraumteleskop James Webb”. Eine österreichische Tageszeitung griff die entsprechende Forschungsarbeit auf und machte daraus die Überschrift „Grazer Weltrauminstitut: Meilenstein bei der Suche nach außerirdischem Leben“. Waren die Forscherinnen und Forscher da wieder einmal zu zurückhaltend? Zu sehr in ihrem Elfenbeinturm versteckt, um die wahre Bedeutung ihrer Entdeckung zu erkennen? Nein, sie waren äußerst seriös und zu recht stolz auf das, was sie gefunden hatten. Nämlich Schwefeldioxid in der Atmosphäre des 700 Lichtjahre entfernten Planeten WASP-39b.
Was das mit Aliens zu tun hat? Gar nichts! Aber sehr viel mit unserem Wissen über die Art und Weise, wie sich Planeten entwickeln und wie sie entstehen. Außerirdische Wesen würden sich sowieso ein wenig schwer tun, einen Planeten wie WASP-39b zu besiedeln. Der ist nämlich größer als Jupiter, besteht vor allem aus Wasserstoff und Helium und ist seinem Stern so nahe, dass dort Temperaturen von fast 1000 Grad herrschen. Wenn die Aliens also nicht äußerst hitzebeständig sind und es ihnen nichts ausmacht, keinen festen Boden unter ihren Füßen (oder Tentakeln oder was immer unter ihrer Hüfte oder was sie stattdessen unter dem Oberkörper tragen usw.usf.) zu haben, dann ist dort eher nicht mit dem Erstkontakt zu rechnen. Ein „Meilenstein” ist die Entdeckung von Schwefeldioxid aber trotzdem. Denn dieses Molekül sollte sich eigentlich in einer wasserstoffreichen Atmosphäre wie der von WASP-39b gar nicht bilden können.
Also doch Aliens? Bei uns auf der Erde wird Schwefeldioxid unter anderem als Konservierungsmittel für Trockenfrüchte oder im Wein verwendet. Haben die Grazer Forscherinnen und Forscher hier vielleicht einen außerirdischen Weihnachtsmarkt entdeckt oder eine Aprés-Ski-Hütte und den in der heißen Atmosphäre verkochenden Glühwein nachgewiesen? Eher nicht. Denn nur weil wir denken, dass irgendwo was nicht sein sollte, heißt das nicht, dass es nicht doch dort sein kann. Man muss sich dann halt eine vernünftige Ursache überlegen, und „Aliens!” ist zwar eine sehr spektakuläre Erklärung, aber halt auch meistens eine nutzlose. Denn mit der Anwesenheit irgendwelcher potenziell sehr viel weiter entwickelter außerirdischer Wesen kann man im Prinzip alles erklären – und damit genau genommen gar nichts. Das steht schon in der Bibel.
Stattdessen hat man festgestellt, dass die Schwefeldioxid-Moleküle bei chemischen Reaktionen entstehen, die auf Schwefelwasserstoff und Wasser basieren und die Energie aus dem Licht des Sterns brauchen, den WASP-39b umkreist. Das nennt sich „Photochemie” und ist uns hier auf der Erde sehr gut bekannt. Bestimmte chemische Reaktionen laufen erst ab, wenn sie durch Licht ausreichend viel Energie bekommen. Und Planet WASP-39b kriegt jede Menge Licht von seinem Stern. Der „Meilenstein” dieser Forschung besteht also zuerst darin, dass man damit das erste Mal auch bei einem Planeten außerhalb des Sonnensystems das Vorhandensein photochemischer Prozesse nachweisen konnte. Was nicht so spektakulär klingt, aber durchaus spektakulär ist. Denn Schwefeldioxid ist eine Zeitmaschine! Würden unseriöse Medien vermutlich schreiben; wir schreiben stattdessen: Wenn man weiß, wie viel Schwefeldioxid in der Atmosphäre ist, dann kann man daraus ableiten, wie viel Schwefelwasserstoff drin sein muss. Das Gas, das nach faulen Eiern riecht und unter anderem unseren Fürzen ihr einzigartiges Aroma verleiht.





