Ein schönes Beispiel bietet die Ordnung Bdelloida aus dem Stamm der Rädertierchen (Rotifera). Diese mikroskopisch kleinen Kriechtiere leben weltweit vor allem im Süßwasser, aber auch in feuchtem Moos oder nasser Erde. Was ihnen überall fehlt, sind Männer. Niemand hat bisher welche beobachten können – weshalb die Rädertierchen-Forscher natürlich irgendwann argwöhnisch wurden …
Wie die Bdelloida-Damen sich ohne Männer fortpflanzen, war schnell klar: durch sogenannte Jungfernzeugung („Parthenogenese“), bei der die Töchterbrut sich direkt aus unbefruchteten Eizellen entwickelt. Ein Phänomen, das Biologen schon seit dem 18. Jahrhundert kennen – unter anderem von Blattläusen und Wasserflöhen, aber auch von manchen Fisch- und Reptilienarten. Doch viele dieser Organismen können sich zusätzlich auch sexuell fortpflanzen, da männliche Individuen durchaus vorhanden sind. Für die „eisernen Jungfrauen“ der 300 Bdelloida-Arten ist die Parthogenese dagegen die einzige Fortpflanzungsoption.
Dies wiederum hat Konsequenzen. Schließlich wird bei der geschlechtlichen Fortpflanzung das Erbgut der Nachkommen stets neu durchmischt – konkret durch die homologe Rekombination der Chromosomen während der Reifeteilungen von Spermien- und Eizellen. Das fällt bei Bdelloida weg, sodass die Mütter via Jungfernzeugung prinzipiell ausschließlich genetisch identische Töchter erzeugen. Klone also, die wieder Klone produzieren, die wieder Klone produzieren … – und das schon über Jahrmillionen.
Womit wir an dem Punkt angekommen sind, an dem die anfängliche Beobachtung, dass den Bdelloiden jegliche Männer fehlen, zu lohnenswerten wissenschaftlichen Fragen führt. Denn wie konnten sie mit diesem Variations-Lockdown – ohne jegliche Rekombination des Erbguts – Hunderte von Millionen Jahre Evolution überleben? Und in dieser Zeit etwa 300 genetisch klar verschiedene Arten entwickeln?
Die Fragen sind also gestellt, jetzt braucht es eine Hypothese. Dazu rekrutierten die Bdelloidologen zunächst eine weitere Beobachtung – nämlich die, dass die Mehrheit ihrer Lieblingstierchen wasserarme Krisenzeiten lange Zeit als komplett ausgetrocknetes Dauerstadium überstehen kann. Auch dies, Anhydrobiose genannt, kennt man bereits von anderen Tierstämmen. Und daher weiß man, dass deren Erbgut solche Zyklen aus De- und Rehydrieren nicht schadlos übersteht. Die Konsequenz: Nach Erwachen aus dem Trockenschlaf müssen die Tierchen ihre DNA erst einmal von Grund auf reparieren.
Mit dieser Beobachtung formulierten die Experten schließlich die folgende, durchaus plausible Hypothese zur evolutionären Bdelloida-Variation ohne Männer: Die zelluläre Maschinerie zur DNA-Reparatur kann nicht nur schädliche Trocknungs-Mutationen ausmerzen, sondern sie bietet zugleich eine alternative Möglichkeit zur Rekombination des genetischen Materials. Ganz ohne Sex.





