Um solch einen Fall möglichst „Forscher-nah“ zu illustrieren, hören wir im Folgenden mal in einen fiktiven Dialog rein – einen Dialog also, der so zwar nie wirklich stattgefunden hat, sich aber in den vielen vergleichbaren Fällen durchaus ähnlich abspielen könnte. Stellen wir uns dazu also vor, ein Forscher hat gerade einen Förderantrag abgelehnt bekommen und lässt bei einem Kollegen Dampf darüber ab:
„Hey, alles gut?“
„Nix ist gut! Die DFG hat meinen Antrag abgelehnt. Kam heute morgen mit der Post.“
„Oh, das tut mir leid! Damit gehörst du also auch zu den 70 Prozent, deren Einzelprojekt-Anträge die DFG jedes Jahr ablehnt. Übrigens hab‘ ich gerade gelesen, beim Europäischen Forschungsrat sei es sogar noch schlimmer – da kämen nur 10 bis 15 Prozent der Anträge durch … Aber erzähl’ mal: Weshalb haben sie deinen Antrag abgelehnt?“
„Dreimal darfst du raten.“
„Hmm …, als häufigste Ablehnungsgründe gelten ja mindere wissenschaftliche Qualität oder Schwächen in der experimentellen Planung. Oder dass das Projekt keinen wissenschaftlichen Neuigkeitswert versprechen würde …“
„Nichts davon. Die Gutachter bemängelten, dass das Projekt ‚nur‘ deskriptiv sei und ihm eine zugrundeliegende Hypothese fehle. Das übliche Killerargument von mittelmäßigen Gutachtern, die selbst nie versucht haben, etwas wirklich Neues und Aufregendes zu finden. Die sich unter eine Straßenlaterne drängen und nur das erforschen, was im Licht darunter sowieso gut erkennbar ist; die aber niemals in die umgebende Dunkelheit aufbrechen, nur weil sie keine Hypothese haben, was sie dort im Unbekannten finden könnten.“
„Okay, verstehe … Aber worum ging es bei dem Projekt überhaupt?“
„Vogelgrippe. Manche Vögel bekommen sie, andere nie – wie zum Beispiel viele Raubvögel. Ich wollte einfach ein paar von deren Genomen durchforsten und über den Vergleich von empfindlichen und resistenten Vogelarten nach Kandidaten-Genen suchen, die zur Gripperesistenz beitragen könnten. Im Grunde also das, was viele als reine ‚Fishing Expedition‘ abwerten. Doch was soll das überhaupt? Schließlich habe ich doch keine Ahnung, welche Gene und Mechanismen an der immunologischen Grippe-Resistenz beteiligt sein könnten. Es ist daher als klar exploratives Projekt geplant. Und derart explorative Forschung startet doch immer mit solch einer Art Fischzug. Oder wie sollte ich sonst einen Hebel an das Ganze ansetzen können? Hat denn niemand diesen kleingeistigen Gutachtern jemals gesagt, dass die Beschreibung von Beobachtungen die Mutter der Hypothese ist? Wie soll man denn ohne ‚Fishing Expeditions‘ an neue Beobachtungen kommen, über die man Hypothesen aufstellen kann? Dazu kommt, dass wir viele unbekannte Phänomene und Mechanismen erst durch die ergebnisoffene Anwendung von Technologien beobachtbar und für weitere Untersuchungen zugänglich machen können. ‚Fishing Expeditions‘ schaffen demnach überhaupt erst die Grundlagen für das, worauf ein hypothesengetriebener Forschungsprozess aufbauen kann. Aber versuch mal, das diesen sturen Gutachtern oder Zeitschriften-Herausgebern klarzumachen …“





