Gippet geht zu einem struppigen Stück Brachland und beginnt zu graben. Nur wenige Sekunden dauert es, bis überall im entstehenden Loch Ameisen wuseln. Bei genauerem Hinsehen sticht etwas Ungewöhnliches ins Auge: Die Arbeiterinnen haben deutlich unterschiedliche Größen. Das, berichtet Gippet, sei typisch für Tapinoma magnum. Ein Erkennungsmerkmal, sozusagen. Dann pickt er ein besonders kräftiges Exemplar aus dem Gewimmel heraus. „Eine Königin, und da noch eine.“ Man staunt. Gibt es mehrere Matriarchinnen in einem einzigen Volk? Dutzende, mindestens, antwortet Gippet. Ja, bei dieser Ameisenart ist so einiges anders. Faszinierend und problematisch zugleich.
T. magnum gehört eigentlich nicht in die Schweiz. Sie stammt aus Nordafrika und gilt als invasive Spezies. Heute haben die Winzlinge auch weite Teile Südfrankreichs und Italiens besiedelt. „Das Interessanteste an dieser Art ist, wie schnell sie sich in Europa ausbreitet“, sagt Jérôme Gippet. Neue Kolonien entstanden zuletzt unter anderem in Belgien, den Niederlanden und am Oberrhein in Deutschland.
Wahrscheinlich reisen sie über exportierte Zierpflanzen ein, in Lyon etwa seien zwei von drei Gartenzentren befallen.
2012 wurde T. magnum erstmalig auf eidgenössischem Territorium nachgewiesen – in Saint-Sulpice. Die Menschen hier sind wenig begeistert, denn die Tiere ziehen durch die Gärten, graben in den Pflasterfugen und dringen manchmal auch in Häuser ein. Ihr massives Auftreten wird durch eine weitere Besonderheit der Art begünstigt: T. magnum bildet sogenannte Superkolonien, riesige Ansiedlungen von Millionen Ameisen, die oft miteinander verwandt sind. Behörden und Naturschützer sehen die Entstehung solcher Insektenmetropolen mit Sorge. Man befürchtet allerlei Schäden und die Verdrängung einheimischer Fauna – die Folgen einer aggressiven Landnahme.
Die Bewohner von Saint-Sulpice beauftragen Spezialfirmen, um die Ameisen zu bekämpfen, erzählt der Biologe. Das kostet viel Geld, während der Erfolg eher mager bleibt. Zu leicht können die Tiere von anderswo in der Nachbarschaft wieder einwandern. „Man muss sich diese Kolonie wie eine Art Superorganismus vorstellen, der sich zusammenzieht und wieder ausdehnt“, meint Gippet.
Sichtbare Schäden an Gebäuden und Gärten gibt es gleichwohl nicht, betont der Forscher. Welche Probleme seien dann bekannt? Nun ja, die Tierchen können beißen, erklärt Gippet. Das spüre man aber kaum. T. magnum ist offenbar auch nicht besonders aggressiv. Legt man seine Hand direkt neben den Eingang eines Nestes, um die Ameisen zu provozieren, laufen einige die Finger entlang. Sonst passiert nichts. Bisherigen Erkenntnissen zufolge überträgt T. magnum auch keine Krankheiten. Im Endeffekt heißt das: Der Mensch hat eigentlich nichts zu befürchten – auch wenn der Gedanke an Millionen unkontrollierbar herumwimmelnde Ameisen für viele erschreckend ist.





