Seit 25 Jahren beschäftigt sich die in Bandung, Indonesien, geborene und an der Universität Frankfurt im Fachbereich Humanmedizin habilitierte Wissenschaftlerin mit Störungen des Hormonhaushalts und den möglichen Ursachen von Unfruchtbarkeit – einem Thema, das schon in den Geschichten des Alten Testaments eine große Rolle spielt. Mit den heutigen Erkenntnissen über die Regulation körperlicher Funktionen kann man zahlreiche alte Bibelstellen wissenschaftlich erklären, meint Dericks-Tan.
Im ersten Buch Samuel wird zum Beispiel der Fall Hannas erzählt, Frau des Priesters Elkana. Daß Hanna lange Zeit kinderlos blieb – eine Schande zur damaligen Zeit -, lag vermutlich an einer Zyklusstörung, deren Ursache eine psychogen bedingte Magersucht war: “Warum ißt du nicht”, fragt Elkana. Nach Zwiesprache mit Gott und der fürsorglichen Zuwendung durch ihren Mann “aß Hanna wieder, empfing und gebar”.
Psychischen Streß durch gebärfreudige Konkurrentinnen vermutet die Hormon-Expertin als Ursache für die zeitweilige Unfruchtbarkeit von Rahel, einer der beiden Frauen Jakobs im ersten Buch Mose, und von Sara, der Frau Abrahams. Erst als Rahel und Sara ihre Probleme im Gebet überwanden, kam ihr Hormonhaushalt wieder ins Lot.
Mit der modernen Interpretation der biblischen Formulierung “und Gott öffnete ihren Schoß” kann die Kirche sich noch arrangieren. Peinlich ist ihr allerdings die wissenschaftliche Auslegung einer Episode aus dem Mittelalter, die in offizieller Lesart bis heute als “Klatsch” abgetan wird. Es geht um den in der Kirchengeschichte erwähnten Bericht über Papst Johannes VIII., der im Jahr 855 gewählt wurde. Nach einer Amtszeit von zwei Jahren und sieben Monaten soll Papst Johannes während einer Prozession ein Kind bekommen haben und daran gestorben sein.
Die Forscherin vermutet, daß es sich bei Johannes VIII. um einen Hermaphroditen gehandelt hat, vermutlich eine Frau mit männlicher Anatomie. Inzwischen kennt man die genetischen Defekte, die für dieses Erscheinungsbild verantwortlich sind: Eine Frau kann äußerlich wie ein Mann wirken, auch wenn sie zwei X-Chromosomen statt der männlichen XY-Kombination hat. Eine Mutation auf Chromosom 6 führt zu einer verstärkten Bildung des Hormons Testosteron: Die Frau hat zusätzlich männliche Geschlechtsorgane, einen Bart und spricht mit tiefer Stimme.
Heute können solche Störungen der Entwicklung chirurgisch und hormonell korrigiert werden. Papst Johannes VIII. hat vermutlich selbst daran geglaubt, ein Mann zu sein. Schwanger wurde der weibliche Papst wahrscheinlich aus einer vermeintlich homosexuellen Beziehung.
Die Kirche bügelte diesen Vorfall später aus, indem sie den Beginn der Amtszeit des Nachfolgers, Benedicts III., auf das Jahr 855 vordatierte und im Jahr 872 einen neuen, männlichen Johannes VIII. wählte. Sie übersah aber ein paar Jahrhunderte lang, sagt Jeanne Dericks-Tan, daß in der Kathedrale von Siena in der Reihe der legitimen Päpste auch die Büste des ersten Johannes VIII. aufgestellt war. Erst im Jahr 1600 wurde sie von dort entfernt.
Jeanne Dericks-Tan





