Die eingehende Befragung der 62-Jährigen führt die Ärzte zur richtigen Diagnose. Denn die Frau gibt an, kurz vor dem dramatischen Vorfall die Nachricht bekommen zu haben, ihre Tochter sei in einen Verkehrsunfall verwickelt worden. Die dadurch massiv ausgeschütteten Stresshormone – ihr Blutspiegel kann im Vergleich zu Gesunden bis zu 30-mal höher sein – haben das Herz massiv in Mitleidenschaft gezogen. Die Patientin leidet am sogenannten Broken-Heart-Syndrom. Die Krankheit wurde erst in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts erkannt, und ihre japanischen Entdecker nannten sie „Takotsubo-Syndrom“; nach einer bekannten Tintenfischfalle, der das betroffene, aufgeblähte Herz ähnelt. Medizinisch korrekt ist die Bezeichnung Takotsubo- oder Broken-Heart-Kardiomyopathie, also Herzmuskel-Erkrankung.
Auslöser des Anfallleidens, das in neun von zehn Fällen Frauen jenseits der Wechseljahre betrifft, ist eine heftige seelische Erschütterung meist unerfreulicher Art, etwa der Verlust eines geliebten Menschen, eine auseinanderbrechende Beziehung oder ein Gewalterlebnis. Allerdings werden in der Literatur auch Fälle beschrieben, in denen ein erfreuliches Ereignis schuld war. So ging ein Fall durch die medizinische Fachpresse, bei der ein Fußballtor in der Nachspielzeit bei einem mitfiebernden Rentner ein solch dramatisches Ereignis ausgelöst hat.
Dass das Broken-Heart-Syndrom oft zunächst fälschlich für einen Herzinfarkt gehalten wird, erstaunt nicht, sind sich doch die Symptome zum Verwechseln ähnlich. Schlimmstenfalls kann es dabei zu massiven Herzrhythmusstörungen bis hin zum lebensbedrohlichen Kammerflimmern kommen. Das ist jedoch eine seltene Ausnahme. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle gehen die Symptome ganz von allein oder unterstützt von Medikamenten zurück, und die Herztätigkeit normalisiert sich in den folgenden Tagen und Wochen wieder vollständig. Allerdings können Langzeitschäden zurückbleiben, etwa eine andauernde Herzschwäche. Immerhin versterben 20 Prozent der Betroffenen in den nächsten zehn Jahren. Die Gefahr ist besonders groß, wenn bereits vor dem Herzanfall genetische Risiken oder chronische Grunderkrankungen vorlagen. Insgesamt muss jedoch festgestellt werden, dass das Takotsubo-Syndrom, sein Zustandekommen, die Risikofaktoren sowie mögliche Folgeschäden noch längst nicht in allen Einzelfällen geklärt sind.
Fest steht: Sollten Sie nach einem einschneidenden Erlebnis negativer, aber auch positiver Art plötzlich über heftige Brustschmerzen, Atemnot und/oder Übelkeit klagen, rufen Sie so schnell wie möglich den ärztlichen Notfalldienst!





