Wie viele Kinder tot zur Welt kommen, ist eine wichtige Kennzahl für die Qualität der medizinischen Versorgung, die Gesundheit der Mütter und allgemein die Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen. Ähnlich wie die Lebenserwartung und die sinkende Mortalität bei vielen Krankheiten ist daher auch die Zahl der Totgeburten in den meisten westlichen Industrieländern in jüngerer Vergangenheit gesunken. Wurden in Deutschland vor hundert Jahren noch mehr als 30 von 1000 Kindern tot geboren, ist diese Zahl jahrzehntelang deutlich gefallen und lag 2010 bei nur noch 2,8 Totgeburten pro 1000 Geburten. Seitdem allerdings steigt die Rate der Totgeburten wieder an. 2021 wurden hierzulande 3,7 von 1000 Kindern tot geboren und die Tendenz ist weiterhin steigend.
Ausnahmen im europäischen Trend
Wie kommt es zu diesem Anstieg? Dieser Frage ist nun ein Team um Maxi Kniffka vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock nachgegangen. „Uns hat die Frage beschäftigt, ob der jüngste Anstieg der Totgeburtenraten nur in Deutschland zu beobachten ist“, sagt Kniffka. „Deshalb haben wir zunächst untersucht, wie unterschiedlich sich die Totgeburtenraten in Europa zwischen 2010 und 2021 entwickelt haben.“ Dazu nutzten die Forschenden Daten des Euro-Peristat-Netzwerks, das seit 1999 Informationen zur Gesundheit von Schwangeren und Babys in Europa erhebt. Als Totgeburt werteten Kniffka und ihr Team alle Kinder, die nach der 24. Schwangerschaftswoche tot auf die Welt gekommen sind.
Das Ergebnis: In den meisten europäischen Ländern sind die Totgeburtenraten seit 2010 auf niedrigem Niveau stabil geblieben oder gesunken. Beispielsweise fiel die Totgeburtenrate in Spanien von 2010 bis 2021 von 3,1 auf 2,7, in Dänemark sank sie von 3,1 auf 2,9. Nur ein Land bildet neben Deutschland eine Ausnahme von diesem europaweiten Trend: In Belgien ist die Rate der Totgeburten zwischen 2010 und 2021 von 4,6 auf 5,6 gestiegen. Allerdings werden in Belgien Spätabtreibungen nicht aus der Anzahl der Totgeburten herausgerechnet, was zumindest einen Teil dieses Trends erklären könnte.
Mütterliches Alter und Mehrlingsschwangerschaften
Im nächsten Schritt begaben sich Kniffka und ihr Team auf die Suche nach möglichen Ursachen für die Totgeburtenzunahme in Deutschland. „Wir haben uns angesehen, wie das steigende Alter der werdenden Mütter und die Veränderung des Anteils von Mehrlingsgeburten Ursachen für verschiedene Trends und Unterschiede zwischen den Ländern erklären könnten. Denn beide Faktoren gehören zu den wohl populärsten Begründungen für die Veränderungen der Raten“, sagt Kniffka.
Tatsächlich zeigt die Analyse, dass beide Faktoren eine Rolle spielen: „Generell ist das Alter der Mütter bei der Geburt gestiegen. Diese Zunahme von Schwangerschaften in höherem Alter, die mit einem höheren Risiko für Totgeburten verbunden sind, trägt zu einem Anstieg oder einer Abschwächung des Rückgangs der nationalen Totgeburtenraten bei“, erklärt Kniffka. „Gleichzeitig ist der Anteil der Mehrlingsgeburten in den meisten untersuchten Ländern zurückgegangen. Da diese Schwangerschaften ebenfalls mit einem höheren Risiko für Totgeburten verbunden sind, hat dieser Rückgang in den meisten Ländern zu einer Verringerung der Totgeburtenraten beigetragen.“





