… Das Interesse für ferne Länder wuchs enorm, seit europäische Staaten immer größere Teile der Welt in ihren direkten Besitz nahmen. Nicht nur erforschten Wissenschaftler unter verschiedensten Gesichtspunkten die Nützlichkeit der Kolonien, sondern Seefahrer und Händler, Soldaten und Beamte bereisten sie und brachten Erinnerungsstücke aller Art mit nach Hause. Es verwundert nicht, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die ersten Völkerkundemuseen gegründet wurden.
Die Geschichte des Stuttgarter Völkerkundemuseums reicht bis 1882 zurück. In diesem Jahr wurde der „Württembergische Verein für Handelsgeographie“ gegründet, dessen explizites Ziel darin bestand, die deutschen Interessen im Ausland zu fördern und Produzenten neue Absatzmärkte zu erschließen. Als das Deutsche Reich seit 1884 eigene Kolonien erwarb, kam die Aufgabe hinzu, über diese zu berichten und Auswanderungswillige mit Informationen zu versorgen. Den Vorsitz übernahm 1889 der Jurist Karl Graf von Linden, vor seiner Pensionierung Oberkammerherr des württembergischen Königs. Mit großer Entschlossenheit richtete er den Verein neu aus: Ein ethnologisches Museum sollte entstehen und Lebenszeugnisse indigener Kulturen sammeln. Linden verstärkte die Sammel- und Dokumentationsaktivitäten deutlich. Als er 1910 starb, waren die Bestände von gerade 300 (1886) auf mehr als 60000 an‧gewachsen. Zugleich hatte er dafür gesorgt, dass das Museum ein neues Gebäude erhielt. Im Mai 1911 konnte König Wilhelm II. das neoklassizistische Gebäude einweihen, dessen Jubiläum 2011 gefeiert wird. Heute versteht sich das Museum als Ort des interkulturellen Dialogs sowie als Bewahrer wichtiger Zeugnisse des Weltkulturerbes…
Kleider machen Leute – diese Einsicht galt und gilt wohl für alle Kulturen. Status und die Macht eines Menschen ließen sich immer auch an seinen Gewändern ablesen: am Material, an Farben und Schnitt und nicht zuletzt an den „Accessoires“ wie etwa Prunkwaffen oder kostbarem Pferdeschmuck. Der hier abgebildete Mantel aus Buchara (heute Usbekistan) demonstriert die Pracht, die man von einem bedeutenden Herrn – wohl einem hohen Beamten oder Würdenträger – auch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch erwarten durfte. Er ist aus Goldbrokat gearbeitet, das heißt, in den Seidenstoff wurden Goldfäden eingearbeitet. Das Futter hingegen besteht aus dem für Mittelasien typischen Seidenikat (Ikat ist eine Webtechnik, bei der man die Kett- oder die Schussfäden vor der Verarbeitung in Abschnitten einfärbt, wobei es typischerweise zu dem vor- und rückspringenden Farbverlauf kommt).
Das zwischen Russland und Persien gelegene, einst reiche und mächtige Emirat Buchara, aus dem der Mantel stammt, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer stärker unter den Einfluss des Zarenreichs geraten. Doch obwohl der Emir vernichtend geschlagen wurde, verzichtete Petersburg lange auf eine formale Annexion. Aber natürlich vervielfachten sich die ausländischen Be-sucher im Emirat, und Russland kontrollierte dessen Außenbeziehungen sowie den Handel. Doch erst die So‧wjetmacht brachte 1920 das endgültige Aus für das alte Buchara.




