Die beiden Weltkriege haben gefährliche Altlasten in den Meeren hinterlassen. Allein vor den deutschen Küsten liegen geschätzt 1,6 Millionen Tonnen Munition am Meeresgrund. Die Spanne reicht von Bomben über Granaten, Minen und Torpedos bis hin zu chemischen Kampfstoffen. Diese Munition ist eine tickende Zeitbombe: Durch das Salzwasser sind die Metallhüllen stark korrodiert und in TeiIen schon zerfallen, wie Untersuchungen zeigen. Giftige Sprengstoffe und andere Kampfmittel werden zunehmend freigesetzt.
680 Weltkriegs-Wracks allein in der Nordsee
Doch es gibt ein weiteres Problem: Während der Kriege sanken in Nord- und Ostsee auch hunderte Kriegsschiffe und U-Boote - und auch sie trugen Munition und Kampfmittel an Bord. Das Projekt „North Sea Wracks“ kam jüngst zu dem Ergebnis, dass allein in der Nordsee mindestens 680 militärische Wracks liegen, davon 120 in der deutschen Nordsee, rund 100 weitere in belgischen und 250 in dänischen Hoheitsgewässern. Auch diese Weltkriegs-Wracks und ihre Munition korrodieren zusehends.

Ein Marinetaucher sammelt Proben am Wrack des im Ersten Weltkrieg gesunkenen U-Boots UC-30. — © Kathrine Juul Andresen
„Diese Wracks stellen eine erhebliche und bisher unterschätzte Bedrohung für Meeresökosysteme dar. Als kontinuierliche punktuelle Schadstoffquellen setzen sie allmählich ein komplexes Gemisch aus Schadstoffen in die Meeresumwelt frei, mit potenziell verheerenden Folgen für die marine Lebenswelt“, erklären Romina Schuster vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und ihre Kollegen.
Zwei Kriegsschiffe und ein U-Boot
Wie akut die Gefährdung der Meeresumwelt durch solche Weltkriegswracks ist, haben Schuster und ihr Team am Beispiel von drei Wracks in der Nordsee genauer untersucht. Eines der Wracks ist das mit Minen, Artilleriegeschossen und Torpedos ausgerüstete deutsche U-Boot UC-30 aus dem Ersten Weltkrieg. Im April 1917 lief es vor der dänischen Insel Rømø auf eine Seemine und sank. „Zu diesem Zeitpunkt hatte das U-Boot geschätzt 3,1 bis 4,8 Tonnen Sprengstoff an Bord“, berichten Schuster und ihre Kollegen.
Ebenfalls aus dem Ersten Weltkrieg stammt das Schiffswrack des leichten Kreuzers SMS Mainz, der nach einem Torpedotreffer im August 1914 vor Helgoland sank – mit an Bord 1,5 bis 3,4 Tonnen Munition in Form von Torpedos und Artilleriegeschossen. Das dritte von den Forschenden untersuchte Wrack ist ein von der deutschen Kriegsmarine als Munitionstransporter genutztes Schiff, die KW58 Fredericks. Sie sank im November 1944 vor der Küste Belgiens. Wie viel Munition sie an Bord hatte, ist unbekannt.

Lage der drei untersuchten Weltkriegs-Wracks. — © Schuster et al./ Marine Pollution Bulletin, CC-by 4.0
Miesmuscheln als Umwelttester
Für ihre Studie untersuchten Schuster und ihr Team die drei Wracks und entnahmen Proben. „Ziviles Tauchen am Wrack ist nicht gestattet, daher bekamen wir Unterstützung von Marinetauchern. Nach einer Einweisung tauchten sie hinunter und entnahmen an verschiedenen Stellen des Wracks sowie vom umliegenden Meeresboden Sediment-, Wasser- und biologische Proben“ , berichtet Co-Autorin Katrine Juul Andresen von der Universität Aarhus. „Zudem fertigten die Taucher Video- und Fotoaufnahmen an, die wir anschließend nutzten, um den Freilegungsgrad der Munition und den Zustand des Wracks zu beurteilen.“
Zusätzlich platzierten die Forschenden Käfige mit jungen Miesmuscheln an den drei Weltkriegswracks und ließen sie mehrere Wochen lang dort. Anschließend sammelten sie die Muscheln ein und analysierten ihren Allgemeinzustand und ihr Wachstum sowie die Konzentrationen mehrerer Enzyme, die beim biologischen Abbau von Sprengstoffen und anderen giftigen Substanzen produziert werden.
Offene Minen, TNT im Sediment und gestresste Muscheln
Die Analysen ergaben: Vor allem der Munitionstransporter KW58 und das U-Boot setzen bereits giftiges TNT und andere Schadstoffe frei. Kein Wunder: „Die Minen an Bord der UC-30 stehen in direktem Kontakt mit dem Meerwasser, ihre Metallhüllen sind vollständig oder größtenteils verschwunden“, berichten Schuster und ihr Team. Dadurch kann sich das TNT dieser Minen relativ ungehindert im Wasser ausbreiten. Beim Wrack KW58 ist die Munitionsfracht nicht sichtbar, scheint aber ebenfalls bereits stark korrodiert zu sein.
Im Sediment rund um diese beiden Kriegswracks waren die TNT-Konzentrationen deutlich erhöht. Im Mittelbereich des Munitionstransporters ermittelten die Forschenden bis zu 250 Mikrogramm pro Kilogramm TNT sowie TNT-Abbauprodukte. Beim U-Boot lagen die Werte zwar deutlich niedriger, waren aber ebenfalls eindeutig nachweisbar, wie das Team berichtet. Nur beim Wrack des Kreuzers SMS Mainz wurde keine Freisetzung giftiger Sprengstoffe nachgewiesen.

Werte von TNT und seinen Abbauprodukten in Sedimentproben von verschiedenen Wracks und Wrackbereichen. — © Schuster et al./ Marine Pollution Bulletin, CC-by 4.0
Diese Kontamination zeigte sich auch bei den mehrere Wochen an den Wracks gehaltenen Miesmuscheln. Vor allem die Muscheln vom Munitionstransporter KW58 und dem U-Boot hatten vermehrt die Substanz Lipofuscin eingelagert – ein Abfallprodukt beim Abbau von mit Fetten assoziierten Schadstoffen wie TNT. Gleichzeitig hatten diese Miesmuscheln signifikant weniger Glykogen produziert – ein Hinweis auf ihren schlechteren Gesundheitszustand und vermehrten oxidativen Stress, wie das Team erklärt.
Akute Gefahr für die Meeresumwelt
Nach Ansicht von Schuster und ihren Kollegen demonstrieren diese Ergebnisse, dass Handlungsbedarf besteht. „Unsere Resultate liefern weitere Belege dafür, dass die Schiffswracks aus den beiden Weltkriegen die Meeresumwelt und die marine Lebenswelt gefährden“, schreiben sie. „Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Überwachung und umfassenden Risikobewertung dieser Unterwassergefahren.“ Denn viele Weltkriegswracks in Nord- und Ostsee sind noch kaum untersucht und der Zustand ihrer Munition daher unbekannt.
Das Problem jedoch: Die alte Munition zu beseitigen oder zu bergen ist extrem schwierig. Gerade weil die alten Sprengkörper schon so stark korrodiert sind, lassen sie sich oft nicht mehr im Ganzen vom Meeresgrund an die Oberfläche bringen: Sie verlieren ihren giftigen Inhalt schon auf dem Weg zur Wasseroberfläche oder können sogar explodieren.
Wie lässt sich die alte Munition sicher beseitigen?
Doch ein sicheres Verfahren, um diese Kampfmittel direkt am Meeresgrund zu entschärfen, gibt es auch noch nicht. Im Rahmen deutscher Pilotprojekte und des europäischen Projekts REMARCO suchen Forschende derzeit noch nach geeigneten Methoden. „Wir versuchen, die schonendsten Lösungen für das Problem zu finden, denn leider gibt es keinen einfachen Weg, diese Altlasten zu beseitigen“, erklärt Andresen. Eine mögliche Methode könnten Roboter sein, die die korrodierte Munition vom Meeresgrund oder aus Wracks einsammeln und dann vor Ort neutralisieren oder vorsichtig an die Oberfläche bringen.
Immerhin sind solche Maßnahmen wahrscheinlich nicht bei allen gesunkenen Kriegsschiffen und U-Booten am Grund von Nord- und Ostsee nötig: „Einige Wracks sind vollständig oder größtenteils vom Sediment vergraben. Durch diese Sanddecke ist das Risiko einer Kontamination deutlich geringer“, erklärt Andresen. „Deshalb müssen wir ermitteln, wo die größte Umweltgefahr droht und dann entsprechend handeln.“
Quelle: Romina Schuster (Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven) et al., Marine Pollution Bulletin, 2026; doi: 10.1016/j.marpolbul.2026.119738





