ERKENNTNISZUWACHS Leidenden zu helfen, ist ein wesentlicher Zug der Humanität. Wir alle sind froh darum, daß es Mittel und Wege gibt, die physisches Leid ausmerzen oder zumindest mildern. Jeder, der diese Zeilen liest, verdankt medizinischem Fortschritt eine Menge – viele von uns sogar das Leben. Ich beispielsweise wäre ohne ihn gar nicht auf die Welt kommen. Ein Kaiserschnitt rettete mich vor frühestem Tod. Fortschritt definiert der Brockhaus als „positiv bewertete Weiterentwicklung”. Beim Kaiserschnitt gibt es darüber wenig Streit. Dennoch gibt es Glaubensgemeinschaften, die ihn nicht akzeptieren. Ob eine medizinische Entwicklung positiv bewertet wird oder nicht, ist im Grund eine Frage des Glaubens oder – moderner gesprochen – der Ethik. Es ist unsere Erkenntnis, die uns eine Entwicklung ablehnen oder befürworten läßt.
Ernst-Ludwig Winnacker, früher ein führender Genforscher, heute Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, hat nach eigenen Angaben soeben einen Erkenntniswandel durchgemacht. Noch im vergangenen November hatte er im bdw- Interview gesagt: „Es gibt für mich derzeit keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die meine ethischen Bedenken im Hinblick auf den Einsatz menschlicher Embryonen hinfällig machen.” Jetzt ist er der Auffassung, daß man auch an embryonalen Stammzellen experimentieren muß, um herauszufinden, wie sich schlimme Krankheiten eindämmen lassen. Manche meinen, Winnacker habe nur darauf gewartet, bis andere in dieser Angelegenheit vorpreschen, um dann seine Auffassung ohne Gesichtsverlust ändern zu können. Wie dem auch sei: An dem jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisschub ist nicht zu rütteln. So ist es nur konsequent, auch das deutsche Embryonenschutzgesetz zu überdenken, das den Verbrauch menschlicher Embryonen zu medizinischen Zwecken kategorisch ausschließt. Haben wenige embryonale Stammzellen das gleiche Recht auf Menschenwürde wie ein reifer Organismus, lautet die Frage, die politisch neu verhandelt werden muß.
Wolfgang Hess





