Was etwa hatte Wilhelm Hey im Sinn, als er 1837 einen Text mit dem Titel „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“ veröffentlichte? War das als astronomisches Arbeitsprogramm gedacht, als Aufforderung an die Wissenschaft, eine Lücke in unserem Verständnis des Universums zu schließen? Nein, wie die meisten wissen oder zumindest vermutet haben werden. Wilhelm Hey war Pfarrer in Thüringen und „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“ ein Wiegenlied mit christlichem Inhalt.
Das bedeutet aber nicht, dass man 1837 nicht auch astronomisch über die Anzahl der Sterne am Himmel hätte nachdenken können. Schon in der Antike haben Astronomen wie Hipparch und Ptolemäus die ersten Sternkataloge erstellt. Und im 18. Jahrhundert wurden diverse Himmelsdurchmusterungen veröffentlicht, zum Beispiel die Historia Coelestis Britannica des britischen Astronomen John Flamsteed, der in jahrzehntelanger Arbeit über 3.000 Sterne vermessen hat. Und auch im 19. Jahrhundert war die Astronomie dabei, immer mehr Sterne in ihre Kataloge aufzunehmen. Wilhelm Hey hätte sich also durchaus in der wissenschaftlichen Literatur schlaumachen und die Frage nach der Anzahl der Sterne zumindest näherungsweise beantworten können.
Der Liedtext, den er veröffentlicht hat, ist aus wissenschaftlicher Sicht allerdings wenig hilfreich. Dort heißt es lediglich: „Gott der Herr hat sie gezählet, Daß ihm auch nicht eines fehlet.“ Was soll man bitte mit so einer Aussage anfangen? Selbst wenn man an die Existenz eines Gottes glaubt und daran, dass er an Stellarstatistik interessiert ist, muss man auf jeden Fall festhalten, dass Gott eines nicht gemacht hat, was in der seriösen Wissenschaft eigentlich unerlässlich ist: Er hat die Ergebnisse seiner Arbeit nicht publiziert! Es hilft nichts, die Sterne zu zählen, wenn man danach nicht Bescheid sagt, wie das Ergebnis ausgefallen ist.
Unzählbar viele Gestirne
Es ist natürlich klar, dass Wilhelm Hey nicht wirklich an Astronomie interessiert war und es nicht zielführend ist, den Text seines Liedes aus diesem Blickwinkel zu interpretieren. Das ändert aber nichts daran, dass die grundlegende Frage durchaus interessant ist. Die Anzahl der Sterne im Universum ist eine kosmologisch relevante Größe. Sie zu kennen, hilft uns dabei, besser zu verstehen, wie der Kosmos funktioniert und sich entwickelt hat. Es ist allerdings auch klar, dass wir all die Sterne im beobachtbaren Universum nicht zählen können. Eine typische Galaxie wie unsere Milchstraße besteht aus 100 bis 200 Milliarden Sternen, und es gibt ein paar Billionen solcher Galaxien im beobachtbaren Universum. Selbst mit den besten Teleskopen können wir all diese Sterne nicht sehen und schon gar nicht exakt zählen. In der echten astronomischen Forschung sind wir daher auch nicht an der genauen Zahl der Sterne interessiert, sondern daran, wie sie über die großen Distanzen des Universums verteilt sind. Gibt es etwa Häufungen oder Lücken?





