Über Jahre hinweg ging der Physiker Jim Al-Khalili genau diese Frage immer wieder an, wenn er im englischen BBC Radio für die Serie „The Life Scientific“ regelmäßig Forscherinnen und Forscher interviewte, die dieses hehre Ziel nach allgemeinem Urteil erreicht hatten. Eine von Al-Khalilis Kernfragen lautete dabei immer, welches die ganz besonderen Zutaten auf dem Weg zum großen Erkenntniserfolg des jeweiligen Gastes waren.
Paul Nurse etwa, Zellbiologe und Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 2001, antwortete auf diese Frage, dass er bereits sehr früh die Entscheidung traf, ein wirkliches „Big Problem“ verfolgen zu wollen. Wörtlich sagte er:
„Ich erkannte, dass die experimentelle Wissenschaft schwierig ist und viele Fehlschläge bereithält. Zugleich sah ich aber auch, dass ich ein ‚Big Problem‘ in Angriff nehmen musste, wenn ich eine besondere Karriere anpeilen wollte. Daher wählte ich schon für meine Doktorarbeit eine sehr grundlegende Frage – nämlich zu verstehen, wie Zellen sich vermehren. Ehrlich gesagt, ging es damit erst mal alles andere als brillant los. Aber es war damals schlichtweg eine stark strategisch geprägte Entscheidung – und am Ende erwies sie sich als richtig.“
Keine Angst vor großen Problemen also – samt dem Mut, sie anzupacken. Ist das der entscheidende Schlüssel zu erfolgreicher Forschung und großer Erkenntnis?
Grenzen erweitern
Einen Monat später unterhielt sich Al-Khalili mit dem englischen Entwicklungsbiologen und Genetiker John Sulston, der 2002 ebenfalls den Medizin-Nobelpreis erhielt. Und dieser passte interessanterweise gar nicht in das „Big-Problem“-Erfolgsschema. Denn Sulstons Leistungen basierten weniger auf fundamentalen Fragestellungen, als vielmehr darauf, dass er konsequent die Grenzen des jeweils technologisch Machbaren erweiterte. Federführend meisterte er zunächst mit dem Fadenwurm Caenorhabditis elegans die Herkulesaufgabe, in zehn Jahren Mikroskopierarbeit eine komplette Zellschicksalskarte (Cell Fate Map) sämtlicher Teilungen vom befruchteten Ei bis zum ausgewachsenen Tier mit seinen genau 959 Zellen zu erstellen. Danach widmete er sich der Komplett-Sequenzierung der DNA des Wurmgenoms, um anschließend mit der gewonnenen Expertise zu einem der Hauptdarsteller des Humangenomprojekts zu werden. Prinzipiell waren dies also allesamt Projekte, die der Wissenschaftsgemeinde vor allem umfangreiche neue Datensätze lieferten, aus denen diese wiederum neue Erkenntnisse zu ihren spezifischen Fragestellungen ziehen oder gar gänzlich neue Fragen formulieren konnte.
Den offenkundigen Unterschied der Ansätze von Nurse versus Sulston fassen heute viele unter den Schlagworten Hypothesen-basierte versus Hypothesen-generierende Forschung zusammen. Erfolg samt Ruhm und Ehre kann man offenbar mit beiden erlangen.





