Konstanz, 30. Mai 1416: Noch nicht einmal ein Jahr war seit dem Flammentod des Prager Magisters Johannes Hus 1415 verstrichen, da bot sich den in Konstanz weilenden Konzilsteilnehmern und der Bevölkerung erneut das grausame Spektakel der Hinrichtung eines Ketzers auf einem vor den Toren der Stadt errichteten Scheiterhaufen. Und wieder handelte es sich bei dem Todeskandidaten um einen Mann aus dem als häretisch stigmatisierten Böhmen: Hieronymus von Prag. Das Konzilsplenum hatte ihn als Ketzer, noch dazu – was die Angelegenheit in den Augen der Richter verschlimmerte – als rückfälligen Ketzer verurteilt. Mehrere Zeugen haben das übliche Zeremoniell der Degradierung und der Übergabe des Todeskandidaten an die weltliche Obrigkeit festgehalten, so dass wir uns noch heute ein relativ genaues Bild der letzten Augenblicke des Hieronymus von Prag machen können. Neben dem Konstanzer Bürger und Chronisten des Konzils, Ulrich Richental, war es vor allem der italienische Humanist Poggio Bracciolini, der – als Sekretär des abgesetzten Papstes Johannes XXIII. „arbeitslos“ – in Briefform eine Art Prozess-Tagebuch verfasst hat.
Während bei Poggio Bracciolini insgesamt eine (nicht ungefährliche) Bewunderung für den Verurteilten mitschwingt, und zwar in erster Linie wegen dessen Gelehrtheit und allseitigen Kenntnissen, seiner Beredsamkeit, seiner ge‧fälligen und schönen Redeweise sowie seiner scharfsinnigen Antworten, schlägt bei Ulrich Richental die Verachtung für den „greulich schreienden“ Ketzer mit seinem „schwarzen, dicken und großen Bart“ durch. Alles, was von dem Prager Magister übrigblieb, verbrannten die Büttel, die Asche vom Scheiterhaufen brachten sie – wie bei Hus – auf einem Karren zum Rhein und warfen sie in die Fluten, hoffend, dass niemand irgendwelche Überbleibsel des Verurteilten als heilige Reste eines Märtyrers verehre. Dass diese Rechnung nicht aufging und das von Johannes Hus und Hieronymus von Prag entfachte (geistige) Feuer weiterloderte und sich in der böhmischen Heimat der beiden Hingerichteten zum Flächenbrand ausweiten sollte, der die alte Ordnung ins Wanken brachte und in den Hussitenkriegen auch die Nachbarländer nachhaltig berührte, vermochten die Konzilsväter nicht zu verhindern.
Böhmen im ausgehenden 14. Jahrhundert – das war ein Land in Aufruhr. Nach der drei Jahrzehnte anhaltenden Blüte- und Friedenszeit unter Karl IV. folgte unter seinem Sohn Wenzel IV. eine Zeit des Niedergangs, ausgelöst auch durch außerböhmische Ereignisse wie das große abendländische Schisma seit 1378. Wenzel war ein unglücklich agierender, mitunter phlegmatischer Herrscher. Dies führte im Jahr 1400 zu seiner Absetzung als römisch-deutscher König. Er sei ein „unnützer, träger, unachtsamer Entgliederer und unwürdiger Inhaber des Reichs“, begründeten die drei geistlichen Kurfürsten und der Wittelsbacher Pfalzgraf Ruprecht ihre spektakuläre Aktion. König von Böhmen blieb Wenzel jedoch weiterhin.
Zu Naturkatastrophen und demographischen Einbrüchen im Gefolge der Pest sowie wirtschaftlichen Problemen, etwa durch den Rückgang der Silberförderung, traten Erosionserscheinungen politisch-mentaler Natur – etwa im Verhältnis zwischen Herrscher und böhmischem Adel oder auch zwischen dem Monarchen und dem Prager Erzbischof – sowie starke Spannungen innerhalb des Hauses Luxemburg. Alle diese Entwicklungen erschütterten die scheinbar auf ewig in der Dreiständeordnung zementierten Verhältnisse in den böhmischen Ländern. Hinzu kamen eine immer schärfer werdende Kritik an den sichtbaren Missständen in der Amtskirche (Sittenverfall, Pfründenhäufung, Simonie) sowie ein wachsendes vornationales Selbstbewusstsein aufstrebender böhmischer Intellek‧tueller an der 1348 gegründeten Prager Universität. Diese war dem Pariser Vorbild folgend in „Nationen“ gegliedert (Böhmen, Polen, Bayern, Sachsen), wobei die nacio bohemica zum Sammelbecken der national‧emanzipatorischen Kräfte wurde.




