Damals war es, dass er die Benennung Kaiser und Augustus empfing.“ Mit diesen Worten unterrichtet Einhard, der Biograph Karls des Großen, seine Leser über die Kaiserkrönung am 25. Dezember des Jahres 800. Dann folgt eine ganz überraschende Mitteilung: Karl sei dieser Vorgang anfangs so zuwider gewesen, dass er versichert habe, er hätte die Kirche an diesem Tag, obgleich es ein so hoher Festtag war, nicht betreten, „wenn er die Absicht des Papstes vorher gekannt hätte“.
Diese Nachricht beschäftigt die Forschung seit jeher. Einhard war ein intimer Kenner des Hofs. Er gehörte zum engsten Beraterkreis und wusste sehr genau, wie die Kaiserkrönung Karls abgelaufen war. Was wollte er mit seinen Bemerkungen sagen? Wollte Karl gar nicht Kaiser werden, etwa weil der Konflikt mit dem römischen Kaiser in Byzanz vorhersehbar war? Ist das mittelalterliche Kaisertum, das mit dieser Krönung zu Weihnachten des Jahres 800 eröffnet wurde, einem Überrumplungsmanöver des Papstes zu verdanken?
Im November 800 war Karl vor Rom erschienen. In Mentana, nordöstlich von Rom, empfing ihn am 23. des Monats Papst Leo III. (795 –816). Zwölf Meilen, so erfahren wir aus den fränkischen Reichsannalen, sei ihm der Papst entgegengeeilt. Das war ein Zeichen höchster Ehrerbietung und nicht weniger als das Doppelte dessen, was für einen byzantinischen Kaiser üblich war. Am folgenden Tag erreichte Karl Rom selbst. Die Straße war geschmückt mit den Fahnen der Stadt und gesäumt von Gesangsgruppen und Besuchern, die Lobgesänge anstimmten. Als Karl schließlich vor der Kirche des heiligen Petrus ankam, stieg er vom Pferd, wurde von Bischöfen und Priestern die Treppe zur Vorhalle hinaufbegleitet, wo ihn der Papst – und zwar ausdrücklich stehend – in Empfang nahm und in die Kirche geleitete. Alle diese Ereignisse und Inszenierungen waren durchaus ungewöhnlich. Aber zwingend war es keineswegs, dass all dies schon einem künftigen Kaiser gelten sollte. Denn Karl kam als mächtiger Herrscher nach Rom, den man solcher Ehren für würdig erachten konnte. Vor allem aber: Papst Leo III. hatte seine Hilfe bitter nötig…
Prof. Dr. Stefan Weinfurter




