von STEVE PRZYBILLA (Text und Fotos)
Alys Laver gehört zu den wenigen Personen, die sich freuen, wenn sie beim Spazierengehen durch den Matsch stapfen. Je mehr Schlamm an ihrer Hose klebt, je tiefer die Gummistiefel im Morast versinken, desto besser. Denn dann hat die Wissenschaftlerin alles richtig gemacht. Die 44-Jährige leitet eines der ambitioniertesten Renaturierungsprojekte Großbritanniens, dessen Ziel ein besserer Küstenschutz ist. In den Steart Marshes, einem Feuchtgebiet im Südwesten Englands, wurde 2014 absichtlich ein Loch in den Deich gebaggert.
Unkonventioneller Küstenschutz
„Als ich hier angefangen habe, glich die Umgebung einer Mondlandschaft“, erinnert sich Laver. Bagger hatten begonnen, den Deich zu öffnen. Tonnen von Erdmasse wurden bewegt, Wasserkanäle geschaffen, neue Schutzwälle landeinwärts errichtet. Eine riesige Baustelle, 500 Fußballfelder groß. „Ich konnte mir am Anfang nur schwer vorstellen, wie es am Ende mal aussehen würde“, sagt die Biologin. Sie zeigt auf ein Gebüsch: „Die Hecken da habe ich selbst gepflanzt. Heute dienen sie als Lebensraum für Schlangen und Schmetterlinge.“
Bei Sturmflut drückt der Atlantik enorme Wassermassen ins Land. Schon einmal ist in den 1980er-Jahren deshalb der Deich gebrochen. „In Zukunft werden die Unwetter wegen des Klimawandels häufiger und heftiger werden“, erklärt Laver. Gleichzeitig steige der Meeresspiegel unaufhörlich an. Um weniger Schäden anrichten zu können, soll das Wasser deshalb mehr Raum bekommen. „Natürlich klingt das für viele erst mal komisch“, sagt Laver. „Wir holen das Wasser näher heran, schützen unsere Häuser dadurch aber besser.“
Die konventionelle Herangehensweise ist genau umgekehrt: In gefährdeten Gebieten wird immer mehr Geld und Material in Dämme, Deiche und Regenrückhaltebecken gesteckt, um das Wasser draußen zu halten. In England dagegen investiert die Regierung 20 Millionen Pfund (23,7 Millionen Euro), um das Wasser in die Steart Marshes hineinzulassen. Das Wasser soll langsam landeinwärts fließen, statt mit voller Wucht gegen eine Betonwand zu knallen. Hinter dem alten Deich, wo zuvor Getreide angebaut wurde, liegt nun eine Grasfläche, die regelmäßig überflutet wird. Das Wasser versickert oder sammelt sich in Tümpeln. Schwäne drehen darauf ihre Runden, am Himmel ziehen Kiebitze vorbei. „Die finden hier Würmer, Krabben und kleine Fische“, erklärt Laver.
Die Stiftung Wildfowl and Wetlands Trust (WWT) hat die Obhut über das Projekt. Neun Festangestellte und über 70 Ehrenamtliche kümmern sich um die Landschaft. Sie legen Wanderwege an, kontrollieren Wasserläufe und halten Ausschau nach neuen Arten. Beim Rundgang mit Alys Laver sind einige Helfer gerade dabei, einen Elektrozaun zu errichten. „Um den Fuchs fernzuhalten“, sagt die Projektleiterin, denn der mache keinen Unterschied zwischen gefährdeten und nicht gefährdeten Vogelarten.





