von MAYA PFLEGER
Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten bereits mit dem Bild des stillen Ozeans aufgeräumt wurde, wird langsam auch der Mythos der leisen Bäume im Wald beerdigt. Genaues Hinhören offenbart überraschend viel Kommunikation, die sich zwischen den Pflanzen und ihrer Umwelt abspielt.
Die Vegetation nimmt Geräusche nicht nur wahr, sondern ordnet diese auch ein und handelt entsprechend. Das konnte ein Team um Monica Gagliano, Leiterin des Biological Intelligence Lab der Southern Cross University in Australien, bereits vor einigen Jahren zeigen, indem es frisch gekeimte Babymaispflanzen in Experimenten einer Reihe von Schallfrequenzen aussetzte. Nach zahlreichen Durchgängen beobachteten die Forscher, dass sich die Wurzeln krümmten. Allerdings nur, wenn ihnen Töne im Frequenzbereich zwischen 200 und 400 Hertz vorgespielt wurden. In eben diesem Bereich gaben die Wurzeln umgekehrt auch selbst Töne ab. In einem Folgeexperiment mit Erbsenpflanzen zeigten die Wissenschaftler außerdem, dass Wurzeln das Geräusch fließenden Wassers wahrnehmen können – und in die entsprechende Richtung wachsen. Mehr noch: In einer komplexen Klanglandschaft können die Pflanze das Rauschen des Wassers von ähnlichen Geräuschen unterscheiden, die für sie ökologisch unbedeutend sind.
Andere Geräusche sind für Pflanzen wiederum Signale, dass eine Gefahr droht, wie die Ökologin Heidi Appel von der Universität von Toledo und ihre Kollegen am Beispiel der Acker-Schmalwand-Pflanzen zeigen konnten. Die Forscher spielten den Gewächsen Geräusche einer Blätter kauenden Raupe vor, woraufhin diese chemische Abwehrstoffe erzeugten – und zwar selbst dann, wenn keine Insekten die Pflanzen berührt hatten. In einem weiteren Experiment fanden die Wissenschaftler zudem heraus, dass sich aus den akustischen Reizen sogar eine Art Lerneffekt ergibt: Acker-Schmalwand-Pflanzen, die wiederholt den Geräuschen von Raupen ausgesetzt wurden, sonderten mehr Abwehrsekret ab als eine Kontrollgruppe, der die Raupenlaute zum ersten Mal vorgespielt worden waren. Das heißt, die Pflanzen haben gespeichert, was die Töne für sie bedeuten und wie sie auf die Geräusche reagieren müssen, um sich zu schützen. Die Acker-Schmalwand-Pflanzen reagieren dabei spezifisch mit Abwehr auf Fressfeinde, während sie die Töne unschädlicher Insekten ignorieren.
Tomate schreit Aua
Eine Pflanze, die nicht genügend Wasser bekommt, lässt ihre Blätter hängen, wächst schlecht und vertrocknet irgendwann. Was wir jedoch nicht mitbekommen: Sie schreit auch. So könnte man die akustischen Signale zumindest interpretieren, die Tomaten- und Tabakpflanzen in einem Experiment an der Universität von Tel-Aviv erzeugt haben. Bei Versuchen des Forschungsteams um Lilach Hadany gaben die Pflanzen unterschiedliche Töne ab, je nachdem, unter welchen Bedingungen sie standen. Das menschliche Ohr ist für die Laute der Pflanzen nicht sensibel genug. Doch mithilfe von empfindlichen Mikrofonen, Aufnahmegeräten und Machine-Learning-Algorithmen können die akustischen Signale aufgezeichnet, klassifiziert und ausgewertet werden.





