Zugegeben: Die Parallelen sind verblüffend, und so konnte der Schweizer Dramatiker Max Frisch auch nicht überrascht sein über die Versuche, das „Andorra“ seines Stücks mit der Schweiz und die die Juden ausrottenden „Schwarzen“ des großen, wohlorganisierten Nachbarlands mit Himmlers SS und Nazi-Deutschland gleichzusetzen. Und die Vorstellung der Schweizer, daß auch sie ein Opfer von Hitlers Aggression hätten werden können, klingt schon an, wenn er „die Leut“ sagen läßt: „Sie werden uns überfallen, die Schwarzen da drüben, weil sie neidisch sind auf unsere weißen Häuser. Eines Morgens, früh um vier, werden sie kommen mit tausend Panzern, die kreuz und quer durch unsere Äcker rollen, und mit Fallschirmen wie graue Heuschrecken vom Himmel herab.“ Doch Frisch beharrte strikt auf seinem Standpunkt und wies daher alle Regisseure an: „Bei der Uniform der Schwarzen ist jeder Anklang an die Uniform der deutschen SS zu vermeiden.“
Doch um was geht es in „Andorra“ eigentlich? Da ist das Lehrerehepaar mit seiner hübschen Tochter Barblin. Dieses Ehepaar nimmt einen Pflegesohn aus dem Land der „Schwarzen“ bei sich auf, von dem der Lehrer erzählt, daß er ein jüdisches Findelkind sei, das er nach Andorra gerettet habe. In Wahrheit ist Andri, so sein Name, die Folge eines Fehltritts des Lehrers, die jüdische Herkunft erfunden. Doch als der Lehrer für das vermeintliche Findelkind eine Lehrstelle sucht, wird er mit Vorurteilen konfrontiert, wie sie Juden vielfach entgegengebracht worden sind: „Wieso will er grad Tischler werden? Tischler werden, das ist nicht einfach, wenn’s einer nicht im Blut hat. Und woher soll er’s im Blut haben? Ich meine ja bloß. Warum nicht Makler? Zum Beispiel. Warum geht er nicht zur Börse? Ich meine ja bloß …“ 50 Pfund will der Tischlermeister haben, sonst nimmt er Andri nicht auf. Und der Wirt, in dessen Gasthof die Unterredung stattfindet, greift vermeintlich beschwichtigend ein: „Man soll sich nicht ärgern über die eigenen Landsleute … Natürlich ist’s Wucher! Die Andorraner sind gemütliche Leut, aber wenn es ums Geld geht …, dann sind sie wie der Jud.“ Nur der Andri, der sei natürlich eine Ausnahme – kein Jude, wie sich der Tischler und der Wirt einen solchen vorstellten. Doch je mehr die anderen ihm einreden, daß ein Jude nur ans Geld denke und feige sei, keinen Humor habe und zu ehrgeizig sei, um so mehr glaubt Andri, diese Eigenschaften bei sich zu entdecken: „Wenn sie sehen könnten, wie recht sie haben: alleweil zähl ich mein Geld!“ Als sein Vater ihn fragt, warum er denn unbedingt reich werden wolle, antwortet er: „Weil ich Jud bin.“
Nur einer hat scheinbar Verständnis für Andri: der Pater. Gerade weil er anders sei, gefalle er ihm. Er begegnet ihm mit Liebe, doch bestärkt er ihn erst recht in seinem Gefühl, anders zu sein: „Du bist nicht feig, Andri, wenn du es annimmst, ein Jud zu sein … Was sollen die anderen dich annehmen, wenn du dich selbst nicht annimmst.“ So wird der Pater zur eigentlichen tragischen Figur des Stücks, indem er Andri mit „positiven Vorurteilen“ dazu bringt, sein vermeintliches Anderssein zu akzeptieren. Diese Verwandlung in das Bild, das andere sich von ihm gemacht haben, geht so weit, daß Andri von seinem Anderssein nicht lassen will, auch nachdem er erfahren hat, daß seine Mutter eine „Schwarze“ und sein Vater der Lehrer sei: „Man hat mir gesagt, wie meinesgleichen sich bewege, nämlich so und so, und ich bin vor den Spiegel getreten fast jeden Abend. Sie haben recht: Ich bewege mich so und so. Ich kann nicht anders.“ Und als der Pater ihn ungläubig fragt: „Du möchtest ein Jud sein?“, antwortet Andri: „Ich bin’s. Lange habe ich nicht gewußt, was das ist. Jetzt weiß ich’s“…





