Der nicht für seine physikalische Expertise bekannte Sänger Udo Jürgens hat diese Frage in einem seiner Lieder mit „Ein Augenblick. Ein Stundenschlag. Tausend Jahre sind ein Tag“, beantwortet und noch hinzugefügt: „Ach Kind, komm lass die Fragerei’n, für so was bist du noch zu klein.“ Wir gehen allerdings davon aus, dass die Leserschaft dieser Kolumne erstens ausreichend groß für eine Antwort ist und zweitens auch kleine Kinder es verdient haben, ihre Fragen beantwortet zu bekommen. Also: Was ist Zeit? Die Frage klingt so, als müsse sie leicht zu beantworten sein. Wir alle haben das Gefühl, zu wissen, was Zeit ist. Aber dass es nicht so einfach ist, hat schon vor mehr als 1.600 Jahren der Kirchenlehrer Augustinus von Hippo erkannt: „Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“
Damit kann man sich also vielleicht noch herausreden, wenn man Vertreter einer noch vergleichsweise neuen Religion im 4. Jahrhundert ist. Von der modernen Wissenschaft wird da aber mehr erwartet – aber die hat leider immer noch dasselbe Problem wie damals Augustinus. Betrachtet man die diversen Naturgesetze, dann spielt die Zeit dort keine Rolle. Oder besser gesagt: Es spielt keine Rolle, in welche Richtung die Zeit läuft. Das Gravitationsgesetz, das zum Beispiel die Bewegung der Himmelskörper beschreibt, funktioniert genauso gut, wenn man die Zeit vorwärtslaufen lässt, wie wenn man damit in die Vergangenheit schaut. Zeit taucht zwar in vielen Naturgesetzen auf, aber nirgendwo steht, in welche Richtung sie laufen soll.
Vorwärts immer, rückwärts nimmer
Genau das ist es aber, was die Zeit aus menschlicher Sicht so außergewöhnlich macht. In allen anderen Dimensionen der Raumzeit können wir uns frei bewegen. Wir können ein paar Schritte in die eine Richtung gehen, und wenn es uns dort gefällt, auch wieder ein paar Schritte zurück. Aber egal, wie unangenehm uns der Weg von der Gegenwart in die Zukunft erscheinen mag: Wir haben keine Möglichkeit, wieder an unseren Ausgangspunkt zu kommen, der dann schon in der Vergangenheit liegt. Die Zeit kennt nur eine Richtung, und die Naturwissenschaft weiß bis heute noch nicht, warum das so ist.
Die Erklärungsansätze für dieses Phänomen – denn die gibt es natürlich auch jenseits von „Wenn niemand schaut, bin ich urschlau“ – haben meistens mit dem Phänomen der Entropie zu tun. Und die ist eine knifflige Angelegenheit. Wenn man überhaupt schon mal davon gehört hat, dann vermutlich vor allem die Erklärung, dass Entropie ein Maß für die Unordnung ist und dass sie nie kleiner werden, sondern immer nur zunehmen kann. Für viele mag das eine tröstliche Information und eine gute Entschuldigung sein, den Wohnungsputz bleiben zu lassen. Wenn sowieso alles immer unordentlicher werden muss, kann man sich die Arbeit mit dem Aufräumen ja auch sparen. Es geht allerdings bei der Entropie nicht um das, was bei uns im Wohnzimmer herumliegt, sondern, sehr vereinfacht gesagt, um die Anzahl der Mikrozustände eines Systems.





