Als am Abend des 31. Juli 1932 die Wahllokale schlossen, war einer der erbittertsten Wahlkämpfe der Weimarer Republik zu Ende gegangen. Allein in den zehn Tagen zuvor waren in Preußen 24 Menschen getötet und über 280 verletzt worden. Während das bürgerlich-konservative Lager bei diesen Wahlen zum Reichstag erhebliche Stimmenverluste hinnehmen musste und auch die Sozialdemokraten verloren, konnten die Kommunisten ihren Stimmenanteil ausbauen. Überragende Gewinner der Wahlen waren jedoch die Nationalsozialisten, die mit 37 Prozent der Stimmen und 230 Mandaten zur stärksten Partei im Deutschen Reich wurden. Zusammen mit der KPD verfügte die NSDAP über eine negative Mehrheit im Reichstag, niemand konnte mehr gegen sie regieren.
Versuche, Adolf Hitler als Koalitionspartner für ein deutschnationales Kabinett zu gewinnen, scheiterten. Er wollte die Kanzlerschaft, was Reichspräsident Hindenburg jedoch strikt verweigerte. So blieb es beim „Kabinett der Barone“ unter dem Rechtskonservativen Franz von Papen, das sich auf nicht einmal zehn Prozent der Wählerstimmen stützen konnte und weiterhin auf der Grundlage von Notverordnungen des Reichspräsi-denten regieren musste. Hitlers Taktik des „Alles oder nichts“ erschöpfte aber die Fähigkeit seiner Partei, die Massen zu mobilisieren, und sie enttäuschte seine Anhänger. Zudem: Als Nationalsozialisten und Kommunisten Anfang November gemeinsam den Berliner Verkehrsarbeiterstreik organisierten, wurden im Bürgertum wieder die Ängste vor den revolutionären Energien der NSDAP wach. In den Reichstagswahlen vom 6. November 1932 verloren die Nationalsozialisten zum ersten Mal beträchtlich an Stimmen, blieben aber mit Abstand stärkste Partei.
Doch waren maßgebliche Eliten in Wirtschaft und Politik fest entschlossen, der demokratischen Republik endgültig ein Ende zu setzen. Dafür brauchten sie die Unterstützung der Nationalsozialisten. Während der kurzzeitige Reichskanzler Kurt von Schleicher, der vom 3. Dezember 1932 bis zum 28. Januar 1933 Kabinettschef war, aussichtslos versuchte, eine „Querfront“ aus Teilen der Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Nationalsozialisten zustande zu bringen, wurde in den Hinterzimmern der Macht verhandelt, intrigiert, geplant. Ende Januar erfuhr die Öffentlich-keit das kaum mehr Glaubliche: Hitler sollte Reichskanzler werden in einem – mit Vizekanzler Franz von Papen, dem DNVP-Vorsitzenden Alfred Hugenberg als Wirtschaftsminister und „Stahlhelm“-Führer Franz Seldte – überwiegend deutschnationalen Kabinett. Am Mittag des 30. Januar vereidigte Reichspräsident Hindenburg die neue Regierung.
„Die Nachricht, dass Hitler Reichskanzler. Schreck. Es nie für möglich gehalten. (Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten)“, notierte Klaus Mann entsetzt in sein Tagebuch. Für viele Deutsche verband sich mit der neuen Regierung jedoch die Hoffnung auf Ordnung, Stabilität, wirtschaftlichen Aufschwung und nationale Einheit. „Was für ein Kabinett!!!“, schrieb die konservativ gesinnte Hamburger Lehrerin Luise Solmitz voller Begeisterung in ihr Tagebuch. „Hitler, Hugenberg, Seldte, Papen!!! An jedem hängt ein großes Stück meiner deutschen Hoffnung. Nationalsozialistischer Schwung, deutschnationale Vernunft, der unpolitische Stahlhelm und der von uns unvergessene Papen … Riesiger Fackelzug vor Hindenburg und Hitler durch Nationalsozialisten und Stahlhelm, die endlich, endlich wieder miteinander gehen. Das ist ein denkwürdiger 30. Januar!“ …




