Aber ist das alles? Ist es „nur“ diese Erkenntnis, die den großen Einfluss von Darwin auf die heutigen Biowissenschaften ausmacht? Wohl kaum.
Holen wir für die Antwort etwas weiter aus. Mittlerweile gilt es als erkenntnistheoretischer Konsens, dass vor allem das Aufspüren und Formulieren guter Fragen die Saat für gute und fruchtbare Wissenschaft legt. Doch welche Fragen konnte die Biologie vor Darwin überhaupt stellen? Fast nur solche nach dem Was, Wo, Wie und Wozu. Womit sie kaum jemals über den Status einer zwar wichtigen, aber nur rein beschreibenden Wissenschaft hinauskam.
Darwins Theorie änderte dies mit einem Schlag – und zwar radikal. Seine Erkenntnis, dass Arten sich durch stetige Variation an immer neue Herausforderungen einer sich verändernden Umwelt anpassen, bedeutet unmittelbar, dass alles, was in den Lebewesen an Strukturen und Mechanismen realisiert ist, nicht einfach nur ist, was es ist – sondern darüber hinaus zweierlei zugleich repräsentiert: ein biologisches Problem und einen Weg, wie der betreffende Organismus dieses Problem löst. Damit lieferte Charles Darwin erstmals eine solide Basis, auf der Biologen Warum-Fragen stellen können.
Solche Warum-Fragen haben sich seitdem als sehr interessant und fruchtbar erwiesen. Warum zum Beispiel haben Giraffen so einen langen Hals? Warum leben gewisse Insekten in sozialen Kastensystemen? Warum pflanzen wir uns sexuell fort? Warum haben wir so ein leistungsfähiges Gehirn? Warum gibt es so viele Parasiten, und warum haben sie so kleine Genome? Warum machen uns manche Bakterien krank und andere nicht? … Die Menge der guten Fragen, die wir prinzipiell erst durch Darwins Theorie stellen können, ist unzählbar.
Leben ohne Sauerstoff
Im Umkehrschluss bekamen damit auch Warum-nicht-Fragen einen Sinn. Nehmen wir etwa die Frage, warum wir nicht auch ohne Sauerstoff überleben können. Zweifellos wäre das eine ziemlich nützliche Eigenschaft. Warum also haben unsere Vorfahren sie über die Jahrmillionen nicht entwickelt? Einige Einzeller, Würmer und Muscheln kriegen das mit modifizierten Mitochondrien schließlich schon lange hin.
Oder die Frage, warum Wirbeltiere nicht mehr als vier Gliedmaßen haben. Ein oder zwei Paare mehr wären doch sehr praktisch. Aber während Insekten schon lange drei und Spinnen sogar vier Gliedmaßen-Paare haben, hat es für die Wirbeltiere über all die lange Zeit der Evolution immer nur für zwei gereicht.
So seltsam manche Warum-nicht-Fragen klingen mögen, so haben sie doch ihre Berechtigung. Denn letztlich stellt man mit ihnen auch immer die Frage nach den Grenzen der Evolution. Oder besser: nach den Zwängen, denen sie sich unterordnen muss – und die letztlich diktieren, dass gewisse Dinge nicht entstehen können.





