Wie nahe andere Mendel kamen – oder wie weit sie dennoch von ihm wegblieben –, beschrieb der Wissenschaftshistoriker Sander Gliboff von der Indiana University vor einigen Jahren so: „Es gibt einige Berichte, die den Anschein erwecken, als beschrieben sie bereits das, was Mendel dann Dominanz und Segregation nannte. Thomas Andrew Knight (1759 bis 1838), John Goss (1800 bis 1880) und Thomas Laxton (1830 bis 1893) in England, Giorgio Gallesio (1772 bis 1839) in Italien, Augustin Sageret (1763 bis 1851), Charles Naudin (1815 bis 1899), Louis Vilmorin (1816 bis 1860) und Henry Vilmorin (1843 bis 1899) in Frankreich sowie andere stellten fest, dass die erste Hybrid-Generation aus Kreuzungsversuchen entweder einheitlich dem einen oder dem anderen Elternteil ähnelte – oder dass sie eine einheitliche Zwischenform annahm. Ebenso beobachteten sie, dass diese einheitliche Generation in der nächsten Generation eine Mischung der elterlichen Merkmale hervorbringt. Einige verwendeten sogar vergleichbare Begriffe wie Mendel für diese Phänomene. Sageret und Gallesio sprachen von der „Dominanz“ eines Merkmals über das andere in ihren Hybriden, Naudin von der „Disjunktion“ der elterlichen Wesensmerkmale in der zweiten Generation.
Aber das ist nur die halbe Geschichte. Hält man bloß fest, dass andere mit ihren Methoden und Resultaten Mendels Erkenntnissen hätten nahe kommen können, verschleiert man, dass diese Forscher eigentlich ganz andere Ziele verfolgten. Zu Unrecht würde man ihnen unterstellen, dass sie nachlässige oder kurzsichtige Wissenschaftler gewesen seien, da sie nicht sahen, was für Mendel offensichtlich war. Abgesehen davon, dass man auch den intellektuellen und disziplinären Kontext missachten würde, in dem Mendel arbeitete und zu dem er versuchte, einen Beitrag zu leisten.
Dieser Punkt wird im Zusammenhang mit Mendels Vererbungsregeln noch viel treffender durch ein weiteren „Forschungsgiganten“ illustriert, den Gliboff interessanterweise nur kurz erwähnt: Charles Darwin. Denn auch dieser hatte unabhängig von Mendel nach Zuchtversuchen mit Löwenmäulchen in seinem Garten offenbar die „richtigen“ Zahlen auf seinem Schreibtisch. Auf Seite 70 seines Buches „The variation of plants and animals under domestication“ begann er jedenfalls einen Absatz mit den Worten: „Nun kreuzte ich pelorische Löwenmäulchen (Antirrhinum majus) […] mit Pollen der gewöhnlichen Form; und letztere wiederum mit pelorischem Pollen …“ Als Ergebnis stellte Darwin fest, dass die erste Nachkommengeneration (F1) „dem gewöhnlichen Löwenmäulchen vollkommen glich“ – der gewöhnliche Wildtyp war also dominant. Weiter hält er dann fest, dass er in der darauffolgenden F2-Generation 88 Wildtyp- und 37 pelorische Formen erhielt, „die zur Struktur ihres einen Großelternteils zurückgekehrt waren“.
Diese F2-Zahlen waren nicht schlechter als die Rohdaten aus Mendels Erbsenkreuzungen, der Augustinermönch hätte demnach wohl auch Darwins Löwenmäulchen-Ergebnis ohne Weiteres als 3:1-Verhältnis akzeptiert – was bekanntlich die Schlüsselerkenntnis auf Mendels Weg zur endgültigen Formulierung der Vererbungsgesetze war.





