Krokodile gibt es schon seit 250 Millionen Jahren – sie entstanden ungefähr zur gleichen Zeit wie die Dinosaurier. Wie diese entwickelte auch die Stammeslinie der Krokodile (Pseudosuchia) im Laufe der Jahrmillionen eine große Vielfalt der Formen und Lebensweisen. Zu ihnen gehörten bis zu zwölf Meter lange Riesenkrokodile wie Sarcosuchus oder Purussaurus, aber auch wendige, auf den Hinterbeinen laufende Jäger. Auch wasserlebende Krokodile und sogar Pflanzenfresser waren unter den Pseudosuchiern vertreten.
Doch einen entscheidenden Unterschied gibt es zwischen Krokodilen und Dinosauriern: Beim Massenaussterben vor 66 Millionen Jahren starben die Dinosaurier mit Ausnahme der Vögel aus. Die Krokodile überlebten die Katastrophe dagegen – ihre Nachfahren existieren bis heute. „Pseudosuchier überstanden zwei der fünf großen Massenaussterben und sämtliche Klimaschwankungen des Mesozoikums und Känozoikums“, erklären Alfio Alessandro Chiarenza vom University College London und seine Kollegen.
Klimatoleranz der Urzeitkrokodile blieb über Jahrmillionen gleich
Aber warum? Um das herauszufinden, haben Chiarenza und sein Team die Verbreitung und klimatischen Vorlieben von mehr als 400 lebenden und ausgestorbenen Krokodilarten rekonstruiert. Als Basis dafür dienten gut 7000 Fossilien, Daten von mehr als 130.000 heute lebenden Krokodilen und computergestützte Rekonstruktionen des Erdklimas in der Zeit von vor 250 Millionen Jahren bis heute.
Das erste Ergebnis: Im Laufe der Jahrmillionen haben Krokodile ihre Klimapräferenzen kaum verändert: „Trotz ihrer großen Vielfalt blieb eines erstaunlich konstant: ihre Beziehung zum Klima“, sagt Chiarenza. Den Analysen zufolge bevorzugten nahezu alle Urzeitkrokodile ein tropisch-warmes Klima, ihr Temperaturoptimum lag bei rund 23 bis 30 Grad - ähnlich wie bei ihren heutigen Nachfahren. „Die ökologische Nische heutiger Krokodile ist demnach keine neue Entwicklung, sondern evolutionär tief verwurzelt“, so die Forschenden.
Ausweichen statt anpassen
Das bedeutet, dass die Urzeitkrokodile im Laufe der Erdgeschichte immer wieder ungünstigen Klimabedingungen ausweichen mussten: Sie folgten in ihrer Verbreitung den warmen Klimazonen, wie die Analyse der Fossilfunde und ihrer Fundorte bestätigte. In warmen Klimaphasen wie dem späten Jura, der mittleren Kreidezeit oder dem frühen Eozän breiteten sich die Pseudosuchier bis in hohe Breiten und die Polargebiete aus. Auch bei uns in Europa gab es damals Krokodile. In kühleren Phasen schrumpfte ihre Verbreitung dagegen bis auf die äquatornahen Tropen.
Diese geografische Flexibilität könnte den Krokodilen geholfen haben, auch das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit zu überstehen. „Die langjährige Vorliebe der Krokodile für warme Lebensräume könnte dazu geführt haben, dass sie sich genau dort aufhielten, wo geeignete Klimabedingungen erhalten blieben – etwa in Äquatornähe“, erklärt Chiarenza.
Wie die Krokodile den Einschlagswinter überstanden
Um diese Vermutung zu überprüfen, rekonstruierten die Forschenden in ihrem Modell verschiedene Folgen des Asteroideneinschlags vor 66 Millionen Jahren. Sie simulierten dafür einen mehrjährigen Impaktwinter durch Asche, Rauch und Staub des Einschlags. In einem alternativen Szenario kombinierten sie dies mit steigenden CO2-Werten durch die anhaltenden Vulkanausbrüche der indischen Dekkan-Trapp-Vulkanprovinz vor 65 Millionen Jahren.
Und tatsächlich: Trotz des Kälteeinbruchs nach dem Asteroideneinschlag gab es für die Krokodile noch geeignete Lebensräume. Bei einer Abschwächung der Sonneneinstrahlung um fünf bis zehn Prozent blieben die Regionen rund um den Äquator wahrscheinlich warm genug für die wärmeliebenden Pseudosuchier. „Diese Rückzugsgebiete könnten Populationen Schutz geboten haben, die sich später wieder erholten und weiter ausbreiteten“, sagt Chiarenza. Die Vulkanausbrüche der Dekkan-Trapps änderten daran kaum etwas.
Schlechte Karten für die Dinosaurier
Für die Dinosaurier ging die Katastrophe dagegen weniger glimpflich aus: Viele von ihnen lebten bei Beginn des Massenaussterbens in gemäßigteren oder sogar polaren Breiten - und kamen dort nicht mehr rechtzeitig weg. Als es in diesen Lebensräumen dann zu kalt wurde, starben sie aus. Eine frühere Studie von Chiarenza und seinem Team hat bereits ergeben, dass die Lebensräume der Dinosaurier damals wesentlich drastischer schrumpften als die der ohnehin auf die Tropen konzentrierten Krokodile.
„Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass für das Überleben des Massenaussterbens am Ende der Kreidezeit keine evolutionäre Verschiebung des klimatischen Optimums erforderlich war“, schreibt das Team. Die Urzeitkrokodile profitierten stattdessen von ihrer frühen Wanderung in tropische Gefilde. Letztlich hatten sie einfach Glück, dass der Asteroideneinschlag die Erde dann traf, als genügend Pseudosuchier in den lebensfreundlicheren Zonen lebten.
Auch Stoffwechsel, Größe und Lebensweise spielten eine Rolle
Allerdings: Diese Klimavorlieben allein können nicht erklären, warum Krokodile das Massenaussterben überlebten und die Dinosaurier nicht. Auch weitere Faktoren spielten eine Rolle: „Dazu gehörten eine geringere Körpergröße, eine eher generalistische Ernährungsweise und die semiaquatische Lebensweise – sie bot Zugang zu Nahrungsnetzen auf Basis von Detritus“, erklären die Forschenden. Auch die Tatsache, dass viele Dinosaurier bereits warmblütig waren, könnte dazu beigetragen haben: Sie hatten einen höheren Energie- und Nahrungsbedarf als die wechselwarmen Krokodile.
„Diese Erkenntnisse sind auch für heutige Krokodile von Bedeutung“, sagt Seniorautor Philip Mannion vom University College London. „Wenn diese Reptilien vergangene Klimaveränderungen durch Ausweichen in geeignete Lebensräume überstanden, benötigen die heutigen Arten ebenfalls genügend Raum, um auf den Klimawandel zu reagieren. Der Verlust geeigneter Lebensräume durch Straßen, landwirtschaftliche Flächen und Städte erschwert dies jedoch zunehmend.“
Quelle: Alfio Alessandro Chiarenza (University College London) et al., Science Advances, 2026; doi: 10.1126/sciadv.aeg2217





